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Sighișoara, bzw. zu Deutsch Schäßburg, gehört zu den ältesten Städten Siebenbürgens und ist zugleich eine der kulturell bedeutendsten.

Die Fahrt hierher von Sibiu führt einen für etwas mehr als 1,5h durch Siebenbürgens dörflich geprägte Landschaft. Allerdings liegen auf dem Weg gleich zwei der sieben von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärten Kirchenburgen, die wir natürlich direkt Ansteuern. Es ist jeweils nur ein kurzer Schlenker von der Landstraße bis nach Biertan (Birthälm) und Valea Viilor (Wurmloch).

Mehr über die Kirchenburgen gibt es hier.

Die Kirchenburg von Biertan (Birthälm) ist UNESCO Welterbe

Heimat des Graf Dracula?

Einer der vermeintlich berühmtesten Söhne der Stadt ist Vlad III Drăculea. Er soll angeblich 1431 in der Zitadelle von Schäßburg in einem Haus am Stundturm das Licht der Welt erblickt haben. Nach dem für das Leben im Mittelalter üblichen politischen und kriegerischen Hin- und Her eroberte er Mitte des 15. Jahrhunderts mit der Hilfe ungarischer Streitkräfte die Walachei von den Osmanen zurück. Daraufhin wurde zum Regent, dem sogenannten Woiwoden, des Fürstentums Walachei ernannt.

Vlad der Pfähler

Die Eroberungen sowie Regentschaft von Vlad III waren vor allem durch seine Gräueltaten bestimmt. Um seine Feinde nachhaltig zu beeindrucken ließ er Gefangene regelmäßig foltern und töten. Eine seiner Spezialitäten war das Pfählen seiner je nach Quellen bis zu 100.000 Opfer.

Dabei wurden entweder angespitzte Holzpfähle mithilfe eines Pferdes Schritt für Schritt in den Leib der Menschen getrieben. Alternativ setzte man die Opfer auf abgerundete und eingeölte Pfähle, sodass sie nun im Lauf der Zeit durch ihr eigenes Körpergewicht aufgespießt wurden.

Diesem Umstand hat er auch seinen Beinamen Vlad der Pfähler (rum. Vlad Țepeș) zu verdanken.

Vlad der Pfähler

Die Erzählungen über Vlad den Pfähler machten auch im Westen Europas die Runde. Sicherlich wurden sie aufgebauscht, um einige Details erweitert und zusammen mit weiterem Volksglaube zu wahren Schauergeschichte inszeniert.

Sehr wahrscheinlich ist es, dass auch der irische Schriftsteller Bram Stoker sich am Herrscher der Walachen orientierte, um seine zum Dasein als Untoter verdammte Romanfigur, den Graf Dracula zu schaffen. Damit wurde das Volksmärchen des Vampirs auch in Westeuropa Salonfähig.

Trivia: Drăculea bedeutet soviel wie Sohn des Drachen. Vlad III hat diesen Beinamen seinem Vater zu verdanken, der vom römisch-deutschen Kaiser Sigismund von Luxemburg in den Drachenorden (Lateinisch für Drache = Draco) aufgenommen wurde. Mitglieder des Ordens verpflichteten sich, das Christentum Europas für den Angriffen osmanischer Krieger zu schützen.

Was liegt wo?

Meine Unterkunft: Casa Saseasca

Eine sehr charmante, kleine Pension in einem historischem Haus mitten auf dem Marktplatz der Zitadelle. Besser könnte eine Unterkunft schonmal kaum gelegen sein. Eine alte Dame zeigt uns unser Zimmer, welches ausgesprochen rustikal und authentisch eingerichtet wurde. Holzschränke und Kommoden mit traditionellen Mustern bemalt. Eine gute Wahl.

Im Eingangsbereich gibt es einen kleinen Biergarten sowie eine Terrasse die genutzt werden können. Das Doppelzimmer kostet uns 162 Lei (ca. 35€) die Nacht ohne Frühstück.

Der zentrale Marktplatz mit unserer Unterkunft (links) und dem Stundturm (rechts)

Wie bei beinahe jeder Unterkunft der Zitadelle gibt es keine zugehörigen Parkplätze. Zum Be- und Entladen kann man zwar bis zur Unterkunft ranfahren, parken muss man allerdings in der Unterstadt. Parkplätze findet man in ca. 500m Entfernung über einen holprigen Pflastersteinweg am Ende der Straße, die durch den Schneiderturm führt. Kosten pro Tag 10 Lei (ca. 2€).

Das habe ich in Sighișoara gemacht

Sighișoara ist eine dieser Städte, die in ihrer Summe eine Sehenswürdig für sich sind. Und das sage nicht nur ich, denn auch die UNESCO hat die gesamte Altstadt innerhalb der Zitadelle zum Weltkulturerbe erklärt.

Mitten im historischen Zentrum liegt der Marktplatz mit unserer Pension. Von hier aus kann man in alle Richtungen wundervolle, sich dezent chaotisch schlängelnde Gassen erkunden. Zwar wirken die bunten Häuser durchaus so, als seien Fördergelder für einen frischen Anstrich notwendig. Doch irgendwie macht auch genau das den Charme der Altstadt aus.

Alte Häuser in der Zitadelle von Sighișoara

Der Stundturm (Turnul cu Ceas)

Das unbestrittene Wahrzeichen der Stadt ist der Stundturm. Er wurde im 14. Jahrhundert errichtet und ist seit jeher eines der zentralen Gebäude der Stadt. Als Hauptzugangstor zur Zitadelle, zeitweise als Stadthalle und nun für mich als Orientierungsturm. Denn das herausragende Gebäude ist beinahe von überall sichtbar und hilft mir, zurück zur Pension zu finden.

Doch der Turm kann noch mit weiteren Funktionen aufwarten. Sein rumänische Name Turnul cu Ceas bedeutet wörtlich übersetzt „Turm mit Uhr“ – was sicherlich an den großen Zeiteisen an den Seiten des Turms liegen mag. Sein mechanisches Uhrwerk ist für ganz Rumänien einzigartig. Neben der Anzeige der aktuellen Uhrzeit wird jede neue volle Stunde und der Tageswechsel durch ein Figurenspiel begleitet.

Der Stundturm von der Turmstraße aus

Es ist möglich, auf den Stundturm zu steigen und sich von der Holzgalerie des obersten Stockwerks aus einen Überblick über die Stadt zu verschaffen. Unterwegs erwarten einen mehrere Etagen voller Ausstellungsstücke über Leben und Wirken der Siebenbürger Sachsen im Laufe der vergangenen Jahrhunderte. Vor allem Kleider und Arbeitsgeräte der ansässigen Zünfte werden sind zu sehen.

Während meines Besuchs gibt es weiterhin eine Ausstellung über den in Sibiu geborenen Hermann Oberth. Der Siebenbürge gilt als ein wesentlicher Begründer der Raketentechnik und Pionier der Weltraumwissenschaften. Der Eintritt kostet 15 Lei (ca. 3€).

Ausblick vom Stundturm auf den Schulberg

Sonnenuntergang vom Stadtrand aus

Als sich der Tag dem Ende nähert, suche ich mir einen guten Spot um die Zitadelle während des Sonnenuntergangs zu fotografieren. Gerade als ich mich aufmachen will, fängt es an wie verrückt zu regnen. Ich muss warten, bis sich der Wolkenbruch etwas legt.

Ein kurzes Nickerchen in der Pension später hört man von draußen nur noch ein leises Plätschern. Ich werfe mir die Regenjacke über, schnappe mir Stativ und Kamera und laufe los. Ich muss mich beeilen, die unvorhergesehene Pause hat meinen Zeitplan etwas durcheinander gebracht.

Entlang der bunten Häuschen in Richtung der Unterstadt

Ich verlasse die Zitadelle durch den Stundturm und laufe durch die Unterstadt. Direkt dahinter liegt ein Hügel, den ich schon von weitem gesehen habe. Dazu muss ich nur ein ländliches Wohngebiet durchqueren.

Lautes Hundegebell kündigt meine Ankunft an. Die rumänischen Kläffer haben einen wirklich ausgeprägten Bewacherinstinkt – wie auch Martin noch auf unserer Wanderung am Piatra Craiului bei Brasov erfahren sollte.

Bald erreiche ich eine Wiese und kämpfe mich durch kniehohes Gras, welches vom kürzlichen Regen noch klitschnass ist. Genau wie auch meine Schuhe und Hose, als ich an einem schönen Aussichtspunkt ankomme.

Sonnenuntergang über dem Schulberg

Doch die Strapazen haben sich gelohnt. Als ich ankomme färbt sich der Himmel prompt in ein tiefes Orange, die Wolken wirken jetzt richtig bedrohlich. Und auch ohne viele Filter kann ich einen besonders dramatischen Sonnenuntergang hinter der Silhouette der Zitadelle beobachten.

Kurz darauf verzieht sich der Dunst und ich nutze das restliche Licht der Blauen Stunde, um den vielen Stolperfallen auf dem Heimweg noch einigermaßen aus dem Weg zu gehen, bevor die völlige Dunkelheit einsetzt.

Beginn der Blauen Stunde

Auf dem Rückweg treffe ich mich mit Martin auf ein Bier in einer schönen Kneipen mit Außenterrasse direkt an der Schülertreppe. Langsam wärme ich wieder auf und der Alkohol tut sein Übriges, um mich von den zurückliegenden Strapazen zu entspannen.

Auf dem Weg zurück zur Pension legen wir noch eine Fotosession beim Stundturm ein. Der Anblick von der Turmstraße aus ist vor allem bei schummrigen Licht richtig mittelalterlich.

Der Stundturm bei Nacht

Der Schulberg

Am nächsten Morgen geht aus auf Entdeckungstour zum höchsten Punkt der Stadt: dem Schulberg. Neben einer Deutschen Schule ist hier vor allem die Bergkirche mit dem angrenzenden Deutschen Friedhof interessant. Doch bevor wir dort ankommen, müssen erst die weit über 100 Stufen der überdachten Schülertreppe überwunden werden, die auf den Berg hinaufführt.

Die überdachte Schülertreppe mit ihren über 100 Stufen

Die Bergkirche ist zwar noch für die Gemeinde der Deutschen Minderheit aktiv, dient aber auch als Museum. Denn viele Siebenbürger Kirchengemeinden haben sich aufgrund der Umsiedlung in den vergangenen Jahrzehnten aufgelöst. Zum Schutz vor Zerstörung, Raub und Vandalismus wurden viele Kulturgüter aus anderen Kirchengemeinden in die Schäßburger Bergkirche gebracht, restauriert und ausgestellt.

Die Bergkirche von Schäßburg mit dem Deutschen Friedhof

Im Lauf der Zeit wurde die Kirche oft umgebaut, mitunter um Beschädigungen durch Kriege zu reparieren. Dabei wurden auch die unzähligen Fresken die noch aus der Zeit vor der Reformation stammen übermalt. Seit dem 20. Jahrhundert werden diese wieder  nach und nach freigelegt und aufwändig restauriert.

Unter dem Altar der Bergkirche liegt eine Krypta, die ebenfalls besichtigt werden kann.

Alter der Bergkirche und Zugang in die Krypta

Die Wehrtürme der alten Stadtbefestigung

Entlang der gut erhaltenen Ringmauer stehen noch einige der ehemals 14 Wehrtürme.

Benannt sind diese jeweils nach den Zünften, die sie einst errichtet und beschützt haben. Wie etwa der Schusterturm, in dem sich heute ein Radiosender eingenistet hat. Oder der Schneiderturm, der Heute neben dem Stundturm einer der beiden befahrbaren Zugänge zur Zitadelle ist.

Der Schusterturm (Turnul Cizmarilor)
Der Schneiderturm (Turnul Croitorilor)

Nach dem Besuch der Kirche spaziere ich gemütlich über den Deutschen Friedhof, der bald wie ein schattiger Park als grüne Oase der Stadt zum flanieren einlädt. Ein bisschen makaber, soviel ist klar.

Der Weg führt den Schulberg hinunter, von wo aus ich die Oberstadt in Richtung der verwinkelten Gassen Unterstadt verlasse. Ich möchte noch einmal bei Tageslicht einen Panoramaausblick über die Zitadelle finden und mache mich daher abermals in die gleiche Richtung auf, die ich bereits für den Sonnenuntergang eingeschlagen hatte.

Der Zinngießerturm (Turnul Cositorarilor)

Natürlich finde ich auch auf diesem Weg noch einmal einen guten Winkel, um den Stundturm zu fotografieren.

Unterwegs in der Unterstadt

Dieses mal wollte ich nicht bis zur matschigen Wiese laufen und suche daher auf einer der tieferliegenden Straßen mein Glück. Das ist gar nicht so einfach, denn die vielen kleinen Grundstücke sind dicht bebaut und es dauert eine Weile, bis ich eine Baulücke finde. Auf Zehenspitzen stehend lässt sich hier noch mal die gesamte Zitadelle „genießen“, bevor es für uns gleich weiter nach Brașov geht.

Ausblick auf die Zitadelle von der Unterstadt

War noch was?

Wer ist Schäßburg ist, kann viele der über 100 Kirchenburgen (oder auch Wehrkirchen) Siebenbürgens als Tagesausflug erreichen. Die befestigten Gotteshäuser dienten einst den Bewohnern als Schutz vor Angriffen, heute sind sie als lebendes Museum größtenteils noch als aktive Kirchen der siebenbürgischen Gemeinden in Benutzung.

Sieben von Ihnen zählen zum UNESCO Welterbe. Sie alle liegen nur maximal zwei Autostunden auf der Landstraße entfernt. Die fett gedruckten habe ich mir angeschaut:

  • Biertan (Birthälm)
  • Valea Viilor (Wurmloch)
  • Viscri (Deutsch-Weißkirch)
  • Pejmer (Tartlau)
  • Saschiz (Kreisd)
  • Dârjiu (Dersch)
  • Câlnic (Kelling)

Mehr über die Kirchenburgen gibt es hier.

Die Kirchenburg von Deutsch-Weißkrich(Viscri) ist eine der schönsten des Landes

Na dann viel Spaß!

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