Top

Im Mittelalter war das Gebiet des heutigen Rumäniens eine schwer umkämpfte Grenzregion. Immer wieder drangen osmanische Heere in Richtung Europa vor.

Um sich vor der Bedrohung zu schützen, erweiterten die Bewohner der dörflichen Siedlungen ihre Kirchen um mächtige Wehranlagen. So entstanden um die Kirchen herum Burgen – die sogenannten Kirchenburgen.

Kam es zu Konflikten, konnten sich die Bewohner hierher zurückziehen und fanden hinter den meterdicken Wänden Schutz. Neben der Verteidigungsfunktion wurden die Mauern häufig mit Wohn- und Nutzräumen ausgebaut, um auch längeren Belagerungen Standhalten zu können.

Befestigung zum Schutz der Kirche in Viscri (Deutsch-Weißkirch)

Etwa 160 dieser Kirchenburgen, oder auch Wehrkirchen genannt, sind heute noch in intakt und können im gesamten Siedlungsgebiet Siebenbürgens besichtigt werden. Ende der 2000er Jahre wurden sieben von ihnen von der UNESCO aufgrund ihres Zeugnis über den Bau mittelalterlicher Verteidigungsanlagen in Siebenbürgen zum Weltkulturerbe ernannt.

Alle sieben liegen im südlichen Teil Siebenbürgens und lassen sich als Ausflüge mit einem Besuch der Städte Sibiu (Hermannstadt), Sighișoara (Schäßburg) sowie Brașov (Kronstadt) verbinden.

Die fett gedruckten habe ich mir während meines Roadtrips durch Rumänien anschauen können:

  • Biertan (Birthälm)
  • Valea Viilor (Wurmloch)
  • Viscri (Deutsch-Weißkirch)
  • Pejmer (Tartlau)
  • Saschiz (Kreisd)
  • Dârjiu (Dersch)
  • Câlnic (Kelling)
Kleine Siedlung etwas außerhalb von Sibiu

Bereits die Anfahrt zu den Kirchenburgen durch das ländliche Rumänien ist lohnenswert. In den Dörfern scheint mitunter die Zeit stehen geblieben zu sein. Viele Häuser stammen noch aus dem Mittelalter noch scheinen auch damals ihren letzten Anstrich erhalten zu haben. Mit etwas Glück trifft man hier auch noch auf einen waschechten Siebenbürger Sachse auf einen kurzen Plausch..

Bunte Häuser in einem der rumänischen Dörfer

Die Ortschaften sind häufig weit ab großer Städte. Es gibt viel Landwirtschaft, wenig Urbanisierung. Das Freut die Natur, denn ich habe selten so viele Störche gesehen wie bei jedem der Besuche einer der Kirchenburgen.

Die Storchennester sind gut besucht in den rumänischen Dörfern

Was liegt wo?

Rot: Kirchenburg
Lila: Kirchenburg (nicht besichtigt)
Grün: Aussichtspunkt
Blau: Unterkunft

Kirchenburgen von Siebenbürgen

Valea Viilor (Wurmloch)

Dicke Mauern schützen die Kirche

Wir fahren durch einen kleinen Ort, der sich beinahe ausschließlich mit je einer Häuserreihe links und rechts entlang der Hauptstraße erstreckt. In seinem Zentrum liegt das Ziel unseres Besuchs, die Kirchenburg von Wurmloch.

Am Eingang treffen wir auf einen älteren Mann, er treibt hier das Eintrittsgeld ein. Zu unserer Überraschung spricht er hervorragend Deutsch. Eigentlich ist das gar nicht so überraschend, denn er ist ein Siebenbürger Sachse. Gerade die Kirchengemeinden sind so ziemlich der letzte aktive Anker einer vom aussterben bedrohten Kultur.

Bereitwillig führt er uns durch ein kleines Museum und erzählt uns vom Leben auf dem Rumänischen Dorf. Über die Enteignung und der Flucht vieler Familien nach Deutschland. Wie Rumänen und Roma die leerstehenden Häuser einnehmen und diese daraufhin verwahrlosen. Man merkt an seiner Stimme und Wortwahl, dass er dem Wandel nichts positives abgewinnen kann.

Auch seine Kinder leben in Deutschland. Nur er möchte seine Heimat nicht verlassen und helfen, die schrumpfende Gemeinde am Laufen zu erhalten.

Blick vom Kirchturm in Wurmloch

Anschließend erkunden wir das Gelände. Wie immer nutze ich jede Gelegenheit, auf einen Aussichtspunkt zu klettern. Somit geht es zunächst auf den Kirchturm. Von hieraus kann man den Blick in alle Richtungen schweifen lassen, um nach anrückenden Feinden Ausschau zu halten. Ich sag es mal so: keine in Sicht.

Der Kirchturm beherbergt auch die Glocken. An einer hängt über einen Flaschenzug gespannt ein blaues Seil. Die Signalfarbe lädt dazu ein, an dem Seil zu ziehen. Eine Einladung, der Martin gerne folgt. Auch wenn es ein Montag ist, läuten zu Glocken zur Messe.

Blick über Wurmloch

Das Innere der Kirche ist recht beengt, denn ein guter Teil der Grundfläche ist bereits den dicken Mauern vorgehalten. Beeindruckend ist das noch im Original erhaltene Gestühl dem frühen 16. Jahrhundert. Tücher und Malereien an den Wänden sind mit deutschsprachigen Sprüchen verziert. Auch die aufgeschlagene Bibel am Alter ist eine Deutsche Fassung.

Im inneren der Kirche von Wurmloch

Das Dorf liegt in einem kleinen Tal zwischen mehreren Hügeln. Bevor wir weiterfahren, will ich noch auf einen der Hügel, um einen Panoramablick auf unsere erste Kirchenburg zu finden.

Zum Glück führt eine schmale Straße ein gutes Stück nach oben, nur die letzten Meter muss ich über eine von Kuhfladen bedeckte Koppel laufen. Es sind nur wenige Schritte, bis sich der Blick auf den Dorfkern entfaltet.

Die Kirchenburg von Wurmloch vom Hügel aus gesehen

Kosten: 10 Lei (ca. 2€)
Dauer: 1h + Ausflug auf den Hügel bei Bedarf
Entfernung:

  • Sibiu: 0h50 (50km)
  • Sighisoara: 0h50 (50km)
  • Brasov: 2h30 (160km)

Biertan (Birthälm)

Biertan ist eine der größten und wichtigsten Kirchenburgen. Hier befand sich über viele Jahrhunderte hinweg ein bedeutender Marktplatz der Region. Außerdem war das Dorf als Sitz des Bischofs der evangelischen Kirche das religiöse Zentrum der Siebenbürgen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Aufgrund der wirtschaftlichen sowie politischen Bedeutung wurden hier besonders mächtige Wehranlagen errichtet.

Die Kirche von Birthälm steht leicht erhaben auf einem Hügel mitten im Dorf

Um zur Kirche auf dem Hügel zu gelangen steigt man ab dem Marktplatz die 73 Stufen des hölzernen Treppenaufgangs hinauf, der von einem Schindeldach bedeckt ist. Das erinnert doch stark an die Schülertreppe in Sighisoara (Schäßburg).

Der Treppengang zum Kirchberg in Birthälm

Das Kirchengebäude ist die einzige unter den sieben als Weltkulturerbestätten genannten, welche als Hallenkirche gebaut wurde und keinen Kirchturm aufweist. Das Innenleben der Kirche ist ebenfalls weitgehend original aus dem frühen 16. Jahrhundert erhalten geblieben. Das belegen die Inschriften auf den Holzbänken, den Fresken sowie den Malereien auf dem Flügelaltar.

Leider ist die Kirche selbst das einzig zugängliche Gebäude auf dem Kirchberg. Alle anderen scheinen dauerhaft geschlossen, oder warten auf ihre Instandsetzung. Insbesondere die Wehrtürme sind nach einem Erdbeben in den 1970er Jahren stark beschädigt.

Die Kirche von Birthälm

Da die Kirche exponiert auf einem 20m hohen Hügel steht, suche ich entlang der umgebenden Straßen nach geeigneten Fotospots. Dabei gefällt mir bereits der Spaziergang durch das Dorf selbst ausgesprochen gut.

Sobald ich den belebten Marktplatz verlasse tauche ich in ruhige Seitenstraßen ab. Bunte Häuser mit großen runden Eingangstoren reihen sich links und rechts der Straße. Ein Trunkenbold mir torkelt brüllend entgegen. Sein Gestammel wird lediglich durch das Holpern der Pferdekarren übertüncht, die lautstark über die Schotterwege hinweg rasen.

Ein typisches Bild im rumänischen Dorfleben

Die beste Aussicht habe ich auf am Rand des Friedhofs im Norden der Ortschaft gefunden. Wenn man den Zaun entlang läuft gibt es mehrere Möglichkeiten, auf gleicher Höhe mit dem Kirchberg über den Dächern der Wohnhäuser entlang zu fotografieren. Außerdem stehen hier einige Bäume, deren Äste als natürlicher Bilderrahmen dienen können.

Eines meiner Lieblingsbilder aus Rumänien!

Die Kirchenburg von Biertan (Birthälm) ist UNESCO Welterbe

Kosten: 10 Lei (ca. 2€)
Dauer: 1h für die Kirchenburg + 1h für den Ausflug zum Friedhof
Entfernung:

  • Sibiu: 1h15 (75km)
  • Sighisoara: 0h30 (30km)
  • Brasov: 2h15 (150km)

Viscri (Deutsch-Weißkirch)

Wer hätte es gedacht, aber im Ort mit dem vielversprechenden Namen Deutsch-Weißkirch steht tatsächlich eine weiße Kirche deutscher Siedler.

Das Dorf selbst liegt etwas abseits, die Straße hierher noch ein stückweit abenteuerlicher, als wir sie bisher erlebt haben. Doch sicherlich genau deshalb zählt Viscri heute zu den wenigen Dörfern Siebenbürgens, in denen sich der regionaltypische Ortskern und die traditionelle Lebensweise besonders gut erhalten haben.

Am Rande des Dorfes steht die Kirchenburg mitten in einem kleinen Wald. Es ist ein entspannter Aufstieg im Schatten der Bäume, bis sich der Blick auf die massiven Mauern der Burg öffnet.

Die Kirchenburg von Deutsch-Weißkrich(Viscri) ist eine der schönsten des Landes

Die Wehrkirche ist ausgesprochen gut renoviert worden. Alle Fassaden wurden erneuert und die Beete und Rabatten im Eingangsbereich sind ebenso gepflegt wie der Park außerhalb der Wehranlagen.

Innerhalb der Mauern wirkt der komplex recht gedrungen. Zwischen der Kirche und den Außenmauern sowie den dicken Wehrtürmen sind nur wenige Meter Platz. Dafür handelt es sich um einen großen Spielplatz für Entdecker. Alle Türme stehen dem Besucher offen, der Wehrgang der Mauer kann abgelaufen werden. Nur ist es mitunter etwas mühsam. Treppen fehlen oder sind nur noch unvollständig, daher muss man sich schon mal die Finger schmutzig machen und etwas klettern.

Einer der Wehrtürme mit dem Haupteingang zur Kirchenburg in Viscri

Die Kirche ist ebenfalls sehr gedrungen. Nur wenige Holzbänke finden im Saal platz. Besonders gefällt mir die gut erhaltene hölzerne Empore mit dem bemalten Geländer.

In der Kirche von Viscri (Deutsch-Weißkirch)

Vom hinteren Ende des Saals geht es in das Treppenhaus, welches zum Glockenturm hinauf führt. Der Aufstieg ist allerdings beschwerlich, das Treppenhaus eng und dunkel. Mehrfach ratsche ich mit meinem Rucksack an der bröckelnden Fassade entlang.

Der hölzerne Rundgang des Turms bietet eine herrliche Aussicht auf die umgebene Landschaft, sowie den Friedhof der sich außerhalb der Mauern befindet. Allerdings laufe ich hier auf alten ausgefransten Holzbrettern. Auch deren Befestigung erscheint mir nicht ausreichend modern, um meine Höhenangst zu bändigen. Daher halte ich es hier oben nicht lange und mache mich schweißgebadet wieder auf den Weg nach unten.

Ausblick vom Kirchturm

Kosten: 10 Lei (ca. 2€)
Dauer: 1h30
Entfernung:

  • Sibiu: 2h (120km)
  • Sighisoara: 0h45 (45km)
  • Brasov: 1h15 (80km)

Prejmer (Tartlau)

Die Wehrmauer der Kirchenburg von Prejmer (Tartlau)

In Prejmer steht eine der ältesten, in ihren Grundmauern noch erhaltenen Kirchen. Sie stammt noch aus dem frühen 13. Jahrhundert und wurde lediglich um zwei Seitenschiffe erweitert. Aufgrund ihrer strategisch günstigen Lage vor den Toren von Brasov, einer der wichtigsten Städte Siebenbürgens, wurde die Kirchenburg mit einer spektakulären Wehranlage ausgestattet.

Die Ringmauer ist im Inneren mit einer Vielzahl an Räumen bebaut

Genau wie bei vielen der anderen Kirchenburgen wurde auch hier die Wehranlage mit Wohn- und Nutzräumen ausgebaut. Über 270 dieser Zellen zieren das innere der Ringmauer. Erreichen kann man diese über ein komplexes Treppensystem, welches wie ein Level aus einem Jump ’n‘ Run Spiel aus den 90er Jahren erinnert.

Wo geht's noch mal zu mir nach Hause?

Die Treppen sind begehbar und es macht Spaß, sich entlang der vielen Gänge zu verirren. In viele der Zellen kann man eintreten. Hinter den meisten Türen verbergen sich dunkle, leere Räume, doch einige wurden zu Museum ausgebaut.

Weiterhin kann man den kompletten Wehrgang entlang laufen, der innerhalb der sich zwischen Außenmauer und Wohnzellen befindet. Künstliches Licht gibt es keins, der Gang ist dunkel und und stickig. Nur durch die regelmäßig angeordneten Schießscharten und Pechnasen fällt Licht ins Innere.

Während man die Burg erkundet lässt es sich sehr gut nachempfinden, wie das Leben hier während einer Belagerungs- und Verteidigungssituation gewesen sein muss.

Altes Klassenzimmer in einem der Räume der Wehrmauer

Kosten: 15 Lei (ca. 3€)
Dauer: 1h30
Entfernung:

  • Sibiu: 2h20 (160km)
  • Sighisoara: 1h50 (130km)
  • Brasov: 0h20 (20km)

War noch was

Auf dem Weg von Sibiu nach Valea Viilor kommen wir an der kleinen Ortschaft mit dem Namen Slimnic (Stolzenburg) vorbei. Wir machen hier kurz Halt und besuchen die Ruine der Burg, die auf einem Hügel hinter dem Dorf steht.

Zwar wurde die Burg aus dem 15. Jahrhundert größtenteils zerstört. Dennoch sind die gewaltigen Ziegelmauern, die weitestgehend intakt das Burggelände umgeben, absolut beeindruckend.

Entlang der Mauern der Stolzenburg

Die Besichtigung des Inneren der Burg ist möglich. Als ich am massiven Eingangstor klopfe, kommt nach einiger Zeit eine ältere Dame und bittet mich herein. Es scheint mir, als hätte sie das Burggelände zu ihrem Zuhause ausgebaut. Am Eingang steht halb in der Mauer eingebaut ein kleines Wohnhaus. Auf dem Hof leben viele Hühner, ein großer Teil ist zu einem Garten mit Gemüsebeeten ausgebaut worden.

Man kann sich dennoch frei in ihrem „Heim“ bewegen und die Ruinen der Burg erkunden. Am nördlichen Ende steht eine nie vollendete Kirche, deren Glockenturm bestiegen werden kann. Geländer sollte man hier allerdings nicht erwarten, also Vorsicht bei der Besichtigung.

Die alte Burgmauer zu einem Wohnhaus ausgebaut

Kosten: 3 Lei (ca. 0,60€)
Dauer: 1h
Entfernung:

  • Sibiu: 0h20 (20km)
  • Sighisoara: 1h10 (80km)
  • Brasov: 2h20 (160km)

Na dann viel Spaß!

post a comment