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Es ist bereits später Nachmittag, als wir die letzten Kilometer auf der rumänischen Autobahn mit dem wohlklingenden Namen A1 hinter uns bringen. Und neben der Bezeichnung erinnern mich auch viele andere Dinge an unsere Autobahnen in Deutschland. Glatter Asphalt und breite Spuren, die zum Überschreiten der zulässigen Höchstgeschwindigkeit einladen. Lichthupen von hinten die einem signalisieren, dass es immer jemanden gibt, der es noch eiliger hat als man selbst.
Und nicht zuletzt: die unzähligen Fahrzeuge mit deutschen Kennzeichen! Gut ein Drittel aller Autos, die sich an uns vorbeidrängen, kommen aus Hamburg, Stuttgart, Köln..

Und während wir noch mutmaßen, welcher Grund dahinterstecken mag, erreichen wir auch schon den ersten Halt unseres Trips durch das Land der Siebenbürger Sachsen. Und es wird schnell klar, dass uns hier nicht nur die Kennzeichen der Fahrzeuge an Deutschland erinnern werden.

Wer sind die Siebenbürger Sachsen?

Um den ständigen Angriffen aus dem Osten zu entgehen wurden durch das Königreich Ungarn Hilfsvölker angesiedelt. Als eine Operation Menschliches Schild sollten sie potentielle Eindringlinge abwehren oder ihren Einmarsch zumindest erschweren. Eine dieser Gruppen wurde um das 12. Jahrhundert herum aus der Region zwischen Mosel und Mittelrhein gezogen und an den Südkarpaten angesiedelt.

Die Deutschen Siedlungen konnten die Grenzen erfolgreich verteidigen und somit weiter wachsen. Über die folgenden Jahrhunderte hinweg wechselten beinahe regelmäßig die Herrschaftsansprüche der Region – ob Osmanen oder Magyaren, die Siebenbürger Sachsen genossen eine weitgehende Autonomie. Somit gelang es ihnen auch, ihre Kultur zu erhalten. Damit handelt es sich um die älteste noch existierende Deutsche Siedlergruppe im Osten Europas.

Zweiter Weltkrieg

Der Untergang dieser Siedlungsgeschichte wurde durch den zweiten Weltkrieg besiegelt. Während sich Rumänien auf die Seite der Alliierten schlug, kämpften die Siebenbürgen als Volksdeutsche an der Front für das Deutsche Reich. Viele fielen dem Krieg zum Opfer, der Großteil der Überlebenden kehrte nie in die rumänische Heimat zurück.

Nach dem Krieg ging es für die Siebenbürgen, die ja für den Feind gekämpft hatten, steil bergab. Große Zahlen von Ihnen wurden zur Zwangsarbeit vor allem in die Ukraine deportiert. Die Hinterbliebenen wurden entrechtet, enteignet und diskriminiert. Grundstücke, Gebäude, Fabriken, Finanzhäuser samt der Spareinlagen gingen in den Besitz Rumäniens über.

Auswanderung

Zunächst kam es zu einer bedeutenden Auswanderungswelle unter anderem nach Deutschland aufgrund der Familienzusammenführung mit den bereits dort lebenden Siebenbürgen.
Da witterte der Rumänische Staat allerdings ein gutes Geschäftsmodell, um an der Ausweisung der ungewollten Deutschen Siedler zu verdienen. Es wurde ein Abkommen zwischen Rumänien und Deutschland geschlossen, welches die vollständige Umsiedlung der verbliebenen Rumäniendeutschen bis Ende 2007 vorsah.

Ausverkauf

Dabei kaufte die Bundesregierung jeden Siebenbürgen für 10.000 DM vom Rumänischen Staat ab. Auswandernde mussten ihre Habseligkeiten zu kleinen Preisen an den Rumänischen Staat abtreten, für die Aufgabe der rumänischen Staatsbürgerschaft wurde ebenfalls Geld verlangt.

Gab es Anfang des 20. Jahrhunderts noch über 300.000 von Ihnen, sind es Heute weniger als 15.000 Menschen. Dennoch ist der historische und kulturelle Einfluss noch weitgehend zu spüren.

Trivia #1: dem aufmerksamen Leser ist natürlich aufgefallen, dass aus der Moselregion gar keine Sachsen kommen. Woher genau die Bezeichnung Siebenbürger Sachsen kommt ist nicht abschließend geklärt, vermutet wird aber ein sprachliches Missverständnis.

Trivia #2: der Gebietsname Siebenbürgen wird heutzutage kaum mehr geführt und ist mittlerweile unter dem aus dem Latein entlehnten Namen Transsilvianien bekannt.

Was liegt wo

Meine Unterkunft: B13 Hostel

Das Hostel wurde in einem renovierten Altbau eingerichtet und liegt nur wenige Gehminuten vom Zentrum der Altstadt entfernt. Es gibt eine Vielzahl von Zimmern in verschiedenen großen. Eine Küche und ein großes Wohnzimmer.

Zwar buchen wir unsere Übernachtung in einer Bettenburg. Doch aufgrund der Pandemie gibt es nur so wenige Reisende, dass jede Gruppe ein eigenes Zimmer bekommt. Eine schwere Zeit für die Tourismus Branche und unerwartete Privatsphäre für Martin und mich. Eine Übernachtung in der Bettenburg kostet ohne Frühstück 50 Lei (ca. 10€).

Grillplatte in der Burger Bar am B13 Hostel

Zum Hostel gehört auch eine eigene Brauerei und ein Restaurant. Das Bier schmeckt fantastisch und die Grillplatte ist.. naja extrem Fleischlastig. Auch wenn man Beilagen vergeblich sucht und am Knoblauch definitiv nicht gespart wurde, ist es dennoch eine empfehlenswerte und leckere Empfehlung für ein deftiges Abendbrot.

Tipp: Da Hostelgäste hier Rabatt auf Essen und Trinken erhalten, sollte die Wahl der Unterkunft unbedingt beim Bestellen der Rechnung erwähnt werden.

Und das habe ich in Sibiu gemacht

Bunte Fassaden der Altstadt von Sibiu

Sibius Altstadt wird aus drei zusammenhängenden Plätzen gebildet. dem Piața Mare, Piața Mica und dem Piața Huet. Hier finden sich viele historische Gebäude, die die beeindruckende Architektur während der verschiedenen Epochen der Siebenbürger Sachsen widerspiegeln.

Das rumänische Wort Piața wird Piaza ausgesprochen. Jeder mit einem Grundkurs in Italienisch schreit sofort auf, dass das Platz heißen muss. Ist auch so. Dennoch werden der Piața Mare und Piața Mica zu Großer- und Kleiner Ring übersetzt. Das muss man jetzt einfach so hinnehmen.

Der Piața Huet

Die Altstadt von Sibiu unterteilt sich in die sogenannte Oberstadt im Zentrum, welche durch die innere Stadtbefestigung abgegrenzt ist. Außerhalb dieser alten Wehranlage erstreckt sich die Unterstadt. Der Huetsplatz liegt am nördlichen Rand der alten Mauer der Oberstadt – oder vielmehr auf ihr. Denn viele der Gebäude des Platzes wurden auf der Wehrmauer errichtet.

Trivia: Benannt nach Albert Huet, dem Graf der Siebenbürger Sachsen im 16. Jahrhundert. Er hat sich bei den Adelsgeschlechtern Europas für die Siebenbürger Autonomie stark gemacht. Manifestierte Gebietsansprüche und Bürgerrechte der deutschen Siedler im heutigen Rumänien.

Am Piața Huet reihen sich schmale Cafés und Restaurants aneinander

Im Hostel gibt es kein Frühstück, daher führt mich mein Weg direkt ins Café Wien am Huetsplatz. Das wunderschöne Gebäude aus dem 14. Jahrhundert liegt im Schatten der evangelischen Stadtpfarrkirche weit abseits des Trubels der Touristenströme und ist direkt auf der innere Stadtmauer errichtet.

Auf der kleinen Terrasse des Cafés spielt ein Mann zeitgenössische Stücke auf dem Klavier, während ich mir Kaffee und Haferbrei mit Obst zum Frühstück gönne. Von hier oben lässt sich das Treiben in der Unterstadt wunderbar beobachten.

Das Café Wien in Sibiu

Die Pfarrkirche selbst ist leider während meines Besuchs aufgrund von Renovierungsarbeiten geschlossen. Der Platz ist voller Baumaterialien und Werkzeuge, der Kirchturm von einem Gerüst umhüllt. Das zieht sich wie ein roter Faden durch viele meiner Ausflüge während der Corona-Pandemie. Der Ausfall touristischer Reisen scheint ein guter Zeitpunkt für dringend benötigte Renovierungsarbeiten zu sein.

Statue von Georg Daniel Teutsch, ehem. Bischof der evangelischen Kirche Siebenbürgens

Nördlich der Kirche liegt der Turnul Scărilor (Sagturm). Er ist der letzte verbliebene Zugang zwischen Ober- und Unterstadt entlang der alten Wehranlage von Sibiu.

Die Sagstiege mit Blick auf die Unterstadt

Man sollte nicht dem Irrtum erliegen, die Unterstadt sei der Oberstadt unterlegen. Dies ist sie nämlich nur in Bezug auf die Höhenmeter. Hier warten viele verwinkelte Gassen mit tollen Blickwinkeln auf die Wahrzeichen der Stadt. In kleinen Restaurants und Cafés abseits der Touristenströme schmeckt das Bier gleichermaßen besser, wie es auch weniger kostet.

Die Pasajul Scărilor der Unterstadt mit dem Sagturm am Ende der Treppe
Auf dem Weg von der Unterstadt zum Huetsplatz

Der Piața Mare

Der Piața Mare, zu Deutsch Großer Ring, wird aufgrund seiner Größe so genannt. Dann dafür, dass er während des Mittelalters entstand, hat er ungewöhnlich große Ausmaße. Schnell wurde er zum Zentrum des alten Sibiu. Hier versammelten sich über viele Jahrhunderte die Einwohner um kulturellen Veranstaltungen wie etwa öffentlichen Hinrichtungen beizuwohnen. Auch während unseres Besuchs wird hier gerade der Start- und Zielbereich eines Radrennens aufgebaut.

Der Platz ist gesäumt mit vielen historisch bedeutenden Gebäuden. Gegenüber dem Kunstmuseum im barocken Brukenthal-Palais findet sich hier auch das wunderschöne alte Rathaus und die Katholische Stadtpfarrkirche zur heiligen Dreifaltigkeit.

Barockes Rathaus und Touristeninformation am Piața Mare

Da wir auch übers Wochenende in Sibiu sind, besuche ich nach dem Frühstück den Gottesdienst in der Kirche. Die Kirche ist gerammelt voll, die Menschen stehen sogar Schlange im Eingangsbereich wie bei meiner BWL Vorlesung im ersten Semester. Aufgrund der Corona Pandemie möchte ich solche engen Versammlungen vermeiden und verschaffe mir nur kurz einen Überblick. Auch Heute noch ist die Kultur der Siebenbürger Sachsen in diesem Teil Rumäniens allgegenwärtig. Und so wird auch dieser Gottesdienst auf Deutsch abgehalten.

Altes Rathaus und katholische Stadtpfarrkirche

Als ich über den Platz schlendere stoße ich auf einen kleinen Bücherladen. Ich entschließe mich, kurz im Geschäft zu stöbern und staune nicht schlecht, als ich feststelle, dass nahezu alle Werke in Deutscher Sprache gefasst sind. Neben aktuellen Thrillern von Schirach und Fitzek finde ich auch etwas, dass ich nicht unbedingt gesucht, aber auf jeden Fall gewollt habe: Bram Stokers Dracula auf Deutsch! Natürlich kaufe ich das Buch sofort. Es gibt wohl keine bessere Gelegenheit als einen Roadtrip durch Transilvanien, um diesen Klassiker das erste Mal zu lesen.

Bücherei mit Deutschen Thrillern am Großen Ring

Sibiu, die Stadt der tausend Augen. Die sogenannten Fledermausgauben der Satteldächer erinnern stark an zugekniffene Augen, die den Spaziergänger auf seiner Tour beobachten. Also lieber darauf achten, sich nichts zu Schulden kommen zu lassen!

Das dreiäugige Haus beäugt mich missbilligend

Trivia: Ein Grund für den guten Zustand der Altstadt ist eine Umfassende Sanierung vor Sibius Wahl zur Kulturhauptstadt Europas im Jahr 2007.

Der Piața Mica

Am nördlichen Ende des Großen Ringes kann man über einen Durchgang im Rathaus zum Kleinen Ring gelangen. Doch bevor man das tut, lohnt sich der Aufstieg auf den Turm des Rathauses (Turnul Sfatului). Von oben hat man einen wunderbaren Blick über die Altstadt, vor allem in Richtung des Kleinen Ringes.

Getrübt wird die Erfahrung allerdings durch den Mangel an Reinigungskräften. Denn den Ausblick genießt man durch Rumäniens schmutzigste Fenster – es ist kaum möglich ein Foto ohne Flecken zu schießen. Der Eintritt kostet 2 Lei (ca. 0,40€)

Blick vom Rathausturm auf den Kleinen Ring

Über die Auffahrt zur Oberstadt verläuft eine historische Fußgängerbrücke mit besonderen Fähigkeiten. Wer sich auf der Podul Minciunilor (Lügenbrücke) befindet, sollte nämlich immer die Wahrheit aussprechen. Jede Lüge wird sofort durch abbröckelnden Putz der umgebenden Häuserfassaden entlarvt.

Die Lügenbrücke am Kleinen Ring

Nun scheint es, als würden auf der Brücke recht viele Lügen ausgesprochen. Denn so schön die mittelalterliche Bausubstanz der Altstadt auch ist, würde sie hier und da doch einen neuen Anstrich vertragen können. Ich frage mich, wie viel hier wohl vor der Restaurierung im Zuge der Wahl zur Kulturhauptstadt gelogen wurde?

Blick von der Lügenbrücke zur Unterstadt

Dennoch lohnt ein Gang über die Brücke für den Ausblick in beide Richtungen. Vielleicht sollte man sich aber währenddessen davor in Acht nehmen, der Partnerin zu beantworten, ob ihr neues Kleid unvorteilhaft auftragen würde.

Anmerkung: der vorhergehende Kommentar spiegelt nicht meine Einstellung wider, sondern soll lediglich den Mario Barth Fans unter den Lesern ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

Blick von der Lügenbrücke auf den Kleinen Ring

Eine Besonderheit des Kleinen Ringes sind die vielen Arkadengänge im Erdgeschoss. Beinahe jedes Gebäude hat gleich mehrere Solcher Eingänge. Während des Mittelalters waren hier viele Handwerkliche Betriebe angesiedelt und die gewölbten Eingänge dienten als Schau- und Verkaufsraum der Waren.

An der Ostseite des Ringes führt der Turm der Goldschmiede (Turnul Scării Aurarilor) in die Unterstadt. Hier finden sich nur wenige Hotels oder Gastronomische Einrichtungen. Vielmehr gibt es ruhige Gassen mit farbenfrohen Wohnhäusern. Und augenscheinlich lügen die Einwohner mehr, je weiter man sich von der Oberstadt entfernt..

Der Aufstieg zur Oberstadt durch den Turm der Goldschmiede
Wohnstraße in der Unterstadt

War noch was?

Unweit von Sibiu lassen sich in nur kurzer Fahrzeit weitere Highlights in einen Roadtrip einbauen.

Dazu zählt zum Beispiel die größte und vermutlich schönste gotische Burg Rumäniens: die Burg Hunedoara.

Mehr über die Burg gibt es hier zu lesen.

Die Burg Hunedoara mit der imposanten Holzbrücke

Außerdem lassen sich viele der über 100 Kirchenburgen (oder auch Wehrkirchen) Siebenbürgens als Tagesausflug erreichen. Die befestigten Gotteshäuser dienten einst den Bewohnern als Schutz vor Angriffen, heute sind sie als lebendes Museum größtenteils noch als aktive Kirchen der siebenbürgischen Gemeinden in Benutzung.

Sieben von Ihnen zählen zum UNESCO Welterbe. Sie alle liegen nur maximal zwei Autostunden auf der Landstraße entfernt. Die fett gedruckten habe ich mir angeschaut:

  • Biertan (Birthälm)
  • Valea Viilor (Wurmloch)
  • Viscri (Deutsch-Weißkirch)
  • Pejmer (Tartlau)
  • Saschiz (Kreisd)
  • Dârjiu (Dersch)
  • Câlnic (Kelling)

Mehr über die Kirchenburgen gibt es hier.

Die Kirchenburg von Biertan (Birthälm) ist UNESCO Welterbe

Na dann viel Spaß!

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