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Etwas wehmütig ziehe ich meinen Koffer steile Pflastersteinstraße hinunter, die von Sighișoaras Altstadt zurück zum Auto führt. Denn der mittelalterliche Charme der Heimat von Graf Dracula hat mich tief beeindruckt.

Dennoch bin ich gespannt, was der letzte Stop auf unserem Roadtrip durch Siebenbürgen zu bieten hat. Es geht in den Südosten der historischen Region, nach Brașov. Die Stadt wurde bereits um das Jahr 1200 herum von einem Deutschen Ritterorden gegründet. Schnell wuchs sie zu einem wichtigen Handelszentrum zwischen Zentraleuropa und dem Orient heran. Händler aus allerlei Regionen ließen sich hier nieder, der kulturelle Meltingpot Brașov wurde zu einer wohlhabenden Metropole. Das spiegelt sich vor allem in den gut ausgebauten Wehranlagen wider, die zu großen Teilen bis heute die Jahrhunderte überstanden haben.

Trivia #1: Gegründet wurde die Stadt unter dem Namen Corona. Davon leitet sich vermutlich auch ihr deutscher Name Kronstadt ab. Wie passend, dass ich hier während der Corona-Pandemie zu Besuch bin.

Trivia #2: auch an Rumänien ging der Kommunismus nicht spurlos vorbei. In den 1950er Jahren trug Brașov daher den Namen Stalinstadt

Straßencafés im Herzen der Altstadt mit der Schwarzen Kirche im Hintergrund

Was liegt wo?

Meine Unterkunft: Drachenhaus Urban Village

Im Drachenhouse Urban Village wurden auf einem kleinen Hof direkt an der Stadtmauer Wohnfässer aufgestellt. Es fühlt sich ein wenig an wie Camping mit erweitertem Komfort. Die Fässer bieten Wahlweise zwei Einzelbetten oder ein Doppelbett. Duschen und Sanitäre Einrichten sind wie die Rezeption im Gemeinschaftshaus.

Zum gemütlichen Ambiente kommt noch die geniale Lage hinzu. Der Hof liegt nur einen Katzensprung vom Rathausplatz der Altstadt entfernt, alles lässt sich prima zu Fuß erkunden. Für mein Auto finden sich auch günstige Parkplätze direkt um die Ecke.

Unser Wohnfass im Drachenhaus Urban Village

Das habe ich in Brașov gemacht

Aussichtsplattform auf dem Tâmpa

Sobald ich in einer neuen Stadt ankomme, versuche ich mir erstmal einen Überblick zu verschaffen. Das geht natürlich am besten von weit oben. Also steht am Morgen nach unserer Ankunft direkt etwas Frühsport auf dem Programm. Direkt hinter der Stadtmauer steht der 960m hohe Hausberg, der Tâmpa. Nun mögen 960m nach einer unfassbaren Herausforderung am frühen Morgen klingen. Allerdings liegt die Stadt selbst bereits auf 600m, sodass sich die zu überwindenden Höhenmeter tatsächlich in Grenzen halten.

Wer den hohen Puls während des 45 minütigen Aufstiegs dennoch scheut, kann auch mit der Gondel auf den Gipfel fahren.

Ausblick auf die Altstadt vom Brașov Schriftzug aus

Oben angekommen geht es entlang des Bergrückens zur Aussichtsplattform, die direkt neben dem markanten Brașov-Schriftzug liegt. Von hieraus kann man richtig gut erkennen, dass der historischer Kern der Stadt von Bergrücken umgeben in einer Art Kessel liegt.

Um die Altstadt herum verläuft die alte Stadtbefestigung, welche insbesondere entlang der Erhebungen immer noch nahezu lückenlos steht. Auch entdeckt man die vielen Wehrtürme, die für mich auch als Orientierung dienen, um unser Hostel wiederzufinden. Es liegt nämlich direkt an der Stadtmauer unterhalb des Weißen Turmes (Turnus Alb). Der Turm wird aufgrund der weißen Farbe des Putzes so genannt.

Den Blick genießt man allerdings nicht ganz allein. Denn ganz zu recht ist der Aussichtspunkt ein beliebtes Ausflugsziel. Vor allem viele Familien und junge angehende Insta-Stars tummeln sich hier und kämpfen um einen Platz am Geländer für das perfekte Foto.

Die Stadthalle als Zentrum der Altstadt

Für den Rückweg zur Stadt entscheiden wir uns dafür, die Gondel zu nutzen. Dazu geht es ein paar hundert Meter weiter zur Bergstation, die leider wider Erwarten absolut heruntergekommen ist. Eigentlich wäre hier ein idealer Platz, ein Café mit hervorragendem Panoramablick zu führen. Scheinbar gab es das auch mal. Mittlerweile sieht es aber aus wie die Cottbuser Innenstadt Anfang der 2000er Jahre. Zwischen brüchigen Betonplatten sprießt Löwenzahn hervor und schmutzige Fenster erlauben den Blick auf eilig leergeräumte Geschäftsräume.

Die Gondeln selbst hinterlassen auch keinen viel besseren Eindruck. Dennoch kommen wir heil unten an. Später erzählt man mir beim Sport, dass ein Geschäftsmann viele dieser öffentlichen Einrichten in der Stadt aufgekauft und sehr zum Ärger der Bevölkerung völlig heruntergewirtschaftet hat. Hierbei handelt es sich um niemand geringeres, als den reichsten Mann Rumäniens, Ion Țiriac.

Trivia: Ion Țiriac ist so eine Art eierlegende Wollmilchsau. Er trat für die Rumänische Eishockey Nationalmannschaft bei Olympia an. Später gewann er im Tennis unter anderem die French Open im Doppel. Berühmtheit in Deutschland erlangte er vor allem als Manager von Boris – Bobbele – Becker um die 90er Jahre herum. Heute gilt Țiriac als reichster Rumäne. Er gründete eine der ersten Privatbanken des Landes, eine Krankenversicherung und vor allem hat er ein Faible für Luxus-Fahrzeuge und Oldtimer. In Bukarest kann man seine Privatsammlung, die mehr als 350 Fahrzeuge umfasst, besuchen. Das hat sich Martin später natürlich nicht nehmen lassen.

Schön zu sehen, dass nicht alle Profisportler nach ihrem Ruhestand ins Dschungelcamp einziehen müssen, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Die Weberbastei verstärkt die Verteidigungsanlage

Unten angekommen laufen wir westwärts der Stadtmauer entlang. Es ist erstaunlich wie gut die Befestigung erhalten und ins Stadtbild integriert ist. Auch einige der alten Verteidigungsanlagen sind noch erhalten, so zum Beispiel die schöne Weberbastei (Bastionul Țesătorilor).

Trivia: häufig wurden in mittelalterlichen Städten Zünfte damit beauftragt, zum Schutz der Städte beizutragen. Sie waren für das Errichten und die Instandhaltung der Wehranlagen verantwortlich. Daher leitet sich sehr häufig auch der Name der Türme und Basteien von der zugewiesenen Zunft ab.

Im Inneren der Weberbastei

Kirche des Nikolaus von Myra

Unser Gang führt uns durch einen ruhigeren Teil der Stadt zu einer orthodoxe Kirche, die des Nikolaus von Myra. Die gotische Kirche, deren Ursprung im 13. Jahrhundert liegt, ist vor allem von Innen sehenswert. Das gesamte verputzte Mauerwerk ist mit Fresken überzogen, die Bibelgeschichten erzählen. Ich lasse den Blick schweifen und versuche, ob ich nicht die ein oder andere Szene aus dem Gedächtnis an meine Kinderbibel in Jugendjahren wiedererkenne.

Der Grundton der Fresken ist ein dunkles blau, Kerzen flackern in jeder Ecke. Dadurch wird das Innere der Kirche in ein düsteres, schummriges Licht gehüllt. Es ist sehr einladend, sich auf eine der Bänke am Rande des Hauptschiffes zu setzen und das Ambiente auf sich wirken zu lassen.

Die orthodoxe Kirche des Nikolaus von Myra

Achtung: Das Fotografieren im Inneren der Kirche ist verboten.

Die Altstadt

Zurück in die Innenstadt geht es durch das Katharinentor (Poarta Ecaterinei), einem der historischen Eingänge zur Stadt. Und irgendwie wirkt es mit seinen kleinen Türmen wie direkt aus einem Märchen entrissen.

Das Katharinentor (Poarta Ecaterinei)

Das Zentrum der Altstadt ist der Rathausplatz. Dieser ist gesäumt von Sonnenschirmen der vielen Cafés, Restaurants und Brauereien die sich hier sammeln. Wenn man hier ein wenig umherschlendert und sich vor allem in die Nebenstraßen verirrt, werden nicht nur die Preise kleiner, sondern auch das Essen besser. Ein echter Tipp ist das Bistro de l’arte. Das kleine Restaurant in einer schmalen Seitengasse bietet traditionelle Gerichte, die vorrangig mit regionalen Zutaten gekocht werden. Wir waren so überzeugt, dass wir mehrfach hier zum Abendbrot waren.

Der zentrale Marktplatz der Altstadt von Brașov

Die Schwarze Kirche

Das Wahrzeichen der Stadt, die Schwarze Kirche (Biserica Neagră), ist auch das Zentrum der deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde Siebenbürgens. Das gotische Gebäude wurde wohl Ende des 15. Jahrhunderts fertiggestellt und trotzte vielen Kriegen, wiederkehrenden Beschädigungen durch Erdbeben und Brände.

Ich fand das Innere der Kirche sehr spannend. Hier steht noch das Originalgestühl aus dem 18. Jahrhundert. Die meisten Bänke waren einer Zunft gewidmet, welche ihr Leben und Wirken durch Abbildungen auf den Stirnseiten der Bänke verewigt haben.

Außerdem beherbergt die Schwarze Kirche Europas größte Sammlung orientalischer Teppiche, mit denen die Kirchenwände im Inneren dekoriert sind.

99 Luftballons

Trivia: Ursprünglich als Marienkirche geweiht, setzte sich im Laufe der Zeit aber der volkstümliche Name Schwarze Kirche durch. Diesen verdankt sie der verrußten Fassade infolge eines Stadtbrandes im 17. Jahrhundert.

Den besten Blick auf die Kirche hat man vom Schwarzen Turm (Turnul Negru) aus, der sich nur wenige Gehminuten oberhalb der nördlichen Stadtbefestigung befindet. Die Fassade zeigt nach Westen, daher sollte man am Nachmittag zu diesem Aussichtspunkt. So wird die Kirche von der Sonne angestrahlt und versteckt sich nicht im Schatten.

Von hieraus sieht man auch den Brașov Schriftzug, von dem aus sich der beste Panoramablick über die Stadt genießen lässt.

Ausblick auf Brașov vom Schwarzen Turm aus

Aktivitäten in der Umgebung von Brașov

Kronstadt liegt am Karpatenbogen und damit in unmittelbarer Nähe zu Rumäniens wunderbarer, ursprünglicher Natur. Daher liegt ein bedeutender Teil der Anziehungskraft auch darin, was sich alles in der Umgebung unternehmen lässt. Mit Kronstadt als Basis, lassen sich viele spannende Ausflüge für den ganzen Tag planen.

Die Bauernburg von Râșnov

Nur wenige Kilometer außerhalb liegt der kleine Ort Rosenau (Râșnov). Auf dessen Hügel steht eine alte Bauernburg, deren dicke Mauern den Einwohnern ähnlich wie die Kirchenburgen Siebenbürgens Einwohnern im Falle eines Angriffs Schutz boten.

Schon der Aufstieg ist ein Highlight. Nachdem ich alter Geizhals einen kostenlosen Parkplätze gefunden habe, geht es über die Hauptstraße der Burg entgegen. Schon von Weitem sieht man wie sie auf dem Gipfel des Hügels thront. Direkt unter ihr ein Schriftzug mit dem Namen des Ortes – es lässt sich wohl nicht mehr belegen, ob sie sich das von Brașov oder Hollywood abgeschaut haben.

Die Bauernburg auf dem Hügel des kleinen Ortes Rosenau

Der Aufstieg durch den Nadelwald dauert nur weniger als eine halbe Stunde. Der Ausblick von den Wehranlagen auf dem Berg über die bewaldete Gegend ist fantastisch und lohnt die Fahrt hierher allemal. Leider ist der Zugang zum Innenbereich der Burg selbst gesperrt, das Zugangstor ist verschlossen. So richtig lässt sich von außen nicht sagen warum. Eine Info-Tafel suche ich vergebens.

Die Bauernburg von Rosenau

Doch Peter wäre nicht Peter, wenn Peter nicht Peter wäre. Ich bin neugierig und quetsche mich in einem unbeobachteten Moment durch einen Spalt zwischen dem alten Holztor und dem baufälligen Gemäuer.

Im Inneren zeigt sich, dass ein Feuer gewütet haben muss. Fast alle Gebäude sind zerstört und es finden sich viele Brandspuren. Renovierungen sind im Gange und werden sicher noch eine ganze Weile andauern. Dennoch hoffe ich, dass die Burg ihre Tore eines Tages wieder für Besucher öffnen kann.

Der zerstöre Hof der Burg Rosenau

Braunbären in den Wäldern der Kaparten

Futterneid

In den Nadelwäldern der Karpaten lebt ein gutes Drittel der gesamten europäischen Population an Braunbären. Und es ist möglich, die Tiere in freier Wildbahn zu beobachten. Ein außergewöhnlich spannendes und beeindruckendes Ereignis, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

Kirchenburgen von Siebenbürgen

Wer ist Brașov ist, kann viele der über 100 Kirchenburgen (oder auch Wehrkirchen) Siebenbürgens als Tagesausflug erreichen. Die befestigten Gotteshäuser dienten einst den Bewohnern als Schutz vor Angriffen, heute sind sie als lebendes Museum größtenteils noch als aktive Kirchen der siebenbürgischen Gemeinden in Benutzung.

Sieben von Ihnen zählen zum UNESCO Welterbe. Sie alle liegen nur maximal zwei Autostunden auf der Landstraße entfernt. Die fett gedruckten habe ich mir angeschaut:

  • Biertan (Birthälm)
  • Valea Viilor (Wurmloch)
  • Viscri (Deutsch-Weißkirch)
  • Pejmer (Tartlau)
  • Saschiz (Kreisd)
  • Dârjiu (Dersch)
  • Câlnic (Kelling)
Die Kirchenburg von Deutsch-Weißkrich(Viscri) ist eine der schönsten des Landes

Schloss Peleș

Etwa eine Stunde südlich von Brașov auf halbem Weg nach Bukarest liegt die Kleinstadt Sinaia. Hier steht ein absolutes Märchenschloss auf einer Wiese am Waldrand: das Schloss Peleș. Einer der schönsten Ausflüge in die Umgebung.

Das imposante Schloss Peleș

Schloss Bran alias Schloss Dracula

Auch eine der bekanntesten Attraktionen Rumäniens lässt sich als Kurztripp erreichen. Nur ein wenig mehr als eine Stunde entfernt steht das Schloss Bran, welches aus windigen Gründen als Sitz der literarischen Figur des Graf Dracula gehandelt wird. Hierbei handelt es sich um den wahrscheinlich einzigen Ort Rumäniens, der außerhalb der Corona-Pandemie non-Stop von Tourbussen angefahren wird.

Wanderung zur Piatra Craliului

Wer raus aus der Stadt möchte um sich in die Natur zu stürzen ist hier genau richtig. Man muss gar nicht weit fahren, um wunderbare Wanderwege zu erreichen.

Wir entscheiden uns für einen der populärsten Ausflüge und wollen zur Curmatura Wanderhütte des Piatra-Craiului Gebirges. Die Wanderung beginnt in Zarnesti, nur wenige Minuten mit dem Auto entfernt. Der Rundweg startet am hinteren Ende des Ortes direkt an einer Wasserquelle und ist sehr gut ausgeschildert.

Zunächst geht es durch einen dichten Buchenwald, der an diesem heißen Sommertag einen angenehmen Schatten spendet. Falls es doch mal zu heiß wird, gibt es auf dem Weg zur Hütte gleich mehrere Quellen mit trinkbarem Bergquellwasser. Vor allem die ersten Kilometer bringen auch eine Menge Höhenmeter mit sich, es wird anstrengend.

Wandern in den Kaparten bei Brașov

Sobald man den Buchenwald verlässt kommt man auf eine große Wiese mit Holzhütten von Schäfern und Bestallungen der Nutztiere. Fortan gibt es keine Laubbäume mehr und man läuft die letzten Kilometer durch einen dichten Nadelwald. Stark durchgeschwitzt erreicht man nach etwa 8km und über 900 zurückgelegten Höhenmetern die Wanderhütte.

Hier kann man sich mit rustikalem Essen stärken, den Blick in die Natur genießen und sich etwas ausruhen, bevor es auf den Rückweg geht.

Alternativ kann man hier auch übernachten und weitere Wanderungen tiefer in das Piatra Crailui Gebirge unternehmen.

Der Wachhund der Berghütte ist selbst ein halber Bär

Vorsicht: die Schäferhunde haben einen ausgeprägten Beschützerinstinkt ihrer Herde gegenüber. Daher nehmen sie auch Spaziergänger als potentielle Eindringlinge wahr und können aggressiv reagieren. Das ist Martin passiert und er musste unter zähnefletschendem Gebell seinen Fortkommen eine Weile pausieren, als eine Schafherde den Pfad kreuzte. Nach Möglichkeit sollte man frühzeitig einen Bogen um die Tiere machen um solchen Situationen aus dem Weg zu gehen.

War noch was?

Wer hat gewusst, dass Peter Maffay gebürtig aus Brașov kommt und erst als Jugendlicher nach Deutschland auswanderte?

Na dann viel Spaß!

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