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Midyat ist eine kleine Stadt östlich von Mardin mit einer der schönsten historischen Altstädte der Region. Sie war bereits in der Vergangenheit das religiöse Zentrum der syrisch-orthodoxen Siedler im Tur-Abdin Plateaus.

Hier finden sich auf kleiner Fläche eine Vielzahl herrlicher Häuser mit gekonnt verzierten Fassaden. Jahrhunderte alte Kirchen, die aufgrund der prekären Sicherheitslage für Christen häufig zu Burgen ausgebaut sind. Außerdem eines der ältesten christlichen Klöster der Welt.

Genug Stoff also für einen Tagestrip von Mardin aus!

Mor Ahisnoya Kirche in Midyat

Wie komme ich dort hin

ANREISE MIT DEM BUS VON MARDIN

Busse und Dolmus verkehren regelmäßig zwischen dem Mardin Otogar und dem Midyat Otogar. Die Fahrt kostet 50 Lira (ca. 5€) und dauert eine knappe Stunde.

Was liegt wo

Und das habe ich hier gemacht

Schlendern durch die Altstadt

ein kleiner Bazar in Midyat

Midyat ist eine der ersten Städte des Tur-Abdin Plateaus gewesen, in der sich christliche Siedler niederließen. Und auch wenn die Stadt seit dem Ende des Byzantinischen Reiches im 7. Jahrhundert unter muslimischer Herrschaft steht, sind Midyat und Umgebung doch vorrangig durch christliche Bauten geprägt.

Und auch sonst ist die Altstadt durch ein außergewöhnlich schönes Netz an saffranfarbend-leuchtenden Fassaden geprägt. Wohnhäuser, Kirchen und vor allem einige Herrschaftshäuser, in denen man viel über das Leben in Midyat lernen kann.

Gebäude in der Innenstadt von Midyat

Allerdings ist die Geschichte der Stadt auch nicht ganz frei von Turbulenzen. Im Verlauf der Jahrhunderte wurden auch hier Christen immer wieder Opfer von Unterdrückung, Verfolgung und Vertreibung. In schlimmeren Zeiten sogar von Mord, wie zuletzt während des Genozids durch das Osmanische Reich unter anderem an den Armeniern Anfang des 20. Jahrhunderts.

Mehrfach wurde Midyat wieder aufgebaut – auch von seinen muslimischen Herrschern. Doch zwar kann man Steine wieder aufeinandersetzen. Kultur und Menschenleben hingegen nicht. Die Unterdrückung von Minderheiten wie der Christen lebt auch in der jüngeren Vergangenheit fort. Und so kommt es, dass ein großer Teil der der Gemeinden nun nicht mehr aktiv ist. Viele Kirchen wurden aufgegeben, ihre Tore bleiben nun bis auf weiteres verschlossen.

Blick auf die Bethil Kirche

Daher kommt mir mein Spaziergang durch einige Teile der Altstadt auch etwas gespenstisch vor. Zwar versprühen die gepflasterten Straßen, die hohen Mauern und die vielen Jahrhunderte alten massiven Holztore einen herrlichen mittelalterlichen Charme. Doch wirken eben viele der Straßenzüge verwaist.

Häufig entdecke Kirchtürme die sich hinter den Mauern verstecken. Doch sobald ich näher komme, stehe ich durchweg vor verschlossenen Toren. Schade, ich hätte mich hier gern auch etwas mehr umgeschaut.

Eine der verschlossenen Kirchen in den Straßen von Midyat

Dennoch sind die vielen kleinen Kirchen ein toller Anhaltspunkt, um durch Midyat’s Altstadt zu schlendern.

Und wer weiß, vielleicht kehren wie auch in Mardin einige der Mitglieder der Syrisch-Orthodoxen Kirche aus dem Exil zurück und erwecken die ein oder andere Gemeinde wieder zum Leben. Daher hier eine (unvollständige) Liste der Kirchen in Midyats Altstadt:

Das Midyat Konuk Evi bietet den besten Blick über die Stadt

So wirklich lebendig ist die Altstadt vor allem um das Midyat Konuk Evi herum. Das ehemalige Gasthaus der Stadt ist wirklich in so ziemlich jeder Hinsicht ein echtes Highlight auf dem Besuch in Midyat. Denn zum einen ist es das wahrscheinlich schönste Gebäude der Stadt – die vielen außenliegenden Treppen mit aufwändig gestalteten Geländern, verzierte Fensterbögen und kleine Balkone. Hier lässt es sich definitiv aushalten!

im Innenhof des Midyat Konuk Evi

Außerdem kann man sich frei im Gebäude umschauen. Es gibt ein verzweigtes Netz aus Terrassen und Balkonen, die es sich abzuklappern lohnt. Denn irgendwie gibt es aus jeder Richtung einen anderen einzigartigen Blick über die Dächer Midyats.

Anschließend kann man es sich in einem der Cafés bei kalten Getränken und Obstsalat ausruhen oder auf dem kleinen Bazar des Komplexes shoppen gehen.

Blick auf die Dächer von Midyat vom Midyat Konuk Evi aus

Eckdaten

Location: hier

Was kostet mich das: 5 Lira (ca. 0,50€)

Wann besuchen: zwischen 8h00 und 17h00. Der Ausblick über die Stadt ist Richtung Süden. Daher hat man das schönste Licht für Fotos am Nachmittag oder frühen Abend.

Vor den Toren der Stadt: Dorf Gülgöze und Kloster Mor Gabriel

Nach meinem Besuch in der Innenstadt und einer längeren Mittagspause möchte ich mir noch etwas die nähere Umgebung anschauen. Das kleine Dorf Gülgöze mit einer der wenigen aktiven christlichen Gemeinden steht zunächst auf dem Plan. Anschließend will ich mir noch das Kloster Mor Gabriel anschauen. Beide Ziele sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln kaum zu erreichen. Daher suche ich mir auf der Hauptstraße Midyats ein Taxi und bespreche mit dem Fahrer meine Pläne und dann geht es auch schon los!

Mor Hadbşabo Kilisesi in Gülgöze

Das erste Ziel ist Gülgöze, ein sehr kleines Dorf nur 20 Minuten östlich von Midyat. Während der kurzen Fahrt wird mir allerdings etwas mulmig. Denn kurz hinter den Stadtgrenzen Midyat’s befindet sich ein großes Flüchtlingslager. Alles ist umringt von einem hohen Stacheldrahtzaun. Im Inneren reihen sich einige Zeltbaracken auf. Und als würde das nicht schon ausreichend den Eindruck eines Gefängnisses vermitteln, müssen wir im Vorbeifahren auch noch einen Militärposten durchqueren. All das vermittelt nicht gerade den Eindruck großer Bemühungen zur Integration der hier gestrandeten syrischen Seelen.

Midyat’s Altstadt kam mir ja bereits etwas verwaist vor – doch Gülgöze legt hier definitiv noch eine Schippe drauf. Bei unserer Ankunft sehe ich keine Menschen, keine Autos. Und überhaupt scheinen viele der Wohnhäuser verlassen.

Nun ja, ich bin in erster Linie wegen der alten Dorfkirche hier. Sie ist umringt von einer dicken Mauer, auf der mehrere Wachtürme errichtet sind. Schützend wie eine Burg steht sie auf dem Hügel am Rand des Dorfes. Ein beeindruckender Anblick, der mich natürlich direkt an die Kirchenburgen Siebenbürgens erinnert.

Angekommen an der Mor Hadbşabo Kilisesi

Als wir an der Mor Hadbşabo Kirche ankommen ist sie natürlich geschlossen. Ehrlich gesagt hätte mich alles andere auch gewundert. Schade denke ich, dennoch finde ich den Abstecher hierher auch für den Anblick während der Anreise bzw. nun davonstehlend schon sehr lohnenswert.

Doch dann zückt mein Taxifahrer sein Handy – er kennt jemanden, der jemanden kennt. Der Pastor der Kirche wird gleich kommen und uns aufschließen, sagt er. Wir sollen kurz warten und wir gönnen uns erstmal einen Tee im Auto.

Und tatsächlich taucht nach einer Weile ein älterer Herr mit einem Schlüssel in der Hand auf.

Eine Kirche für Hobbits?

Er öffnet uns das Tor zur Kirche und wird uns etwas herumführen. Er spricht kaum überraschend kein Englisch und so kommunizieren wir mehr schlecht als recht über google translate. Welch ein Glück, dass ich hier draußen noch Empfang habe! Danke TurkCell.

Spannend finde ich schonmal den Eingang. Die Tür ist nämlich kaum höher als einen Meter. Er erklärt mir, dass der Gläubige so den Besuch in der Kirche bereits in gebückter, demütiger Haltung beginnt. Wenn man einen Hexenschuss hat, muss man die Sonntagsmesse wohl ausfallen lassen..

Über 1.000 Jahre alt: der Saal der Mor Hadbşabo Kilisesi

Die Ursprünge der Kirche gehen mehr als 1.000 Jahre zurück. Der Saal der Kirche wirkt richtig mittelalterlich mit dem so typischen Duft schlecht gelüfteter Räume. Wie in jeder der Syrisch-Orthodoxen Kirchen die ich besucht habe, versteckt sich der Altar hinter einem bestickten Vorhang. Der Kontrast aus den kalten steinernen Mauern und den wenigen Holzbänken mit warmen, roten Samtkissen gefällt mir richtig gut.

In der Kirche trifft sich eine der wenigen noch aktiven Gemeinden, auch wenn das Dorf kaum 200 Einwohner zählt. Regelmäßigen finden hier Gottesdienste statt – natürlich auf Aramäisch gehalten!

Eckdaten

Location: hier

Was kostet mich das: Eintritt und Führung kosten nichts. Spenden für die Gemeinde sind aber willkommen!

Wann besuchen: Das ist der Haken – Öffnungszeiten in dem Sinne gibt es nicht. Entweder man kommt Sonntag Vormittag zur Messe oder findet ansonsten mit etwas Glück einen Einwohner, der dann den Pastor herbei bitten kann.

Der Eingang zum Mor Gabriel Kloster

Das syrisch-orthodoxe Kloster Mor Gabriel ist eines der ältesten noch aktiven christlichen Klöster der Welt. Die Es liegt ca. 20km außerhalb von Midyat und lässt sich ebenfalls am besten mit dem Taxi erreichen. Anders als das Kloster Zafaran bei Mardin darf man Mor Gabriel ausschließlich im Rahmen einer Tour besuchen.

Als ich ankomme habe ich halbes Glück, denn es wartet bereits eine kleine Gruppe, der ich mich direkt anschließen kann. Halbes Glück deshalb, da ich nur die türkischsprachige Führung erwischt habe und daher natürlich nicht besonders viel von dem mitbekomme, was hier erzählt wird.

Unterwegs im Kloster Mor Gabriel

Mit dem Bau des Klosters wurde wohl bereits in der Antike im Jahr 397 begonnen. Mit dem Aufschwung des Christentums in der Region wuchs auch die Bedeutung dieses Klosters schnell an. Das merkt an an der fantastischen Architektur und den vielen tollen Ornamenten an den Fassaden der Höfe.

Während des Genozids an den christlichen Minderheiten im Osmanischen Reich 1915 wurden alle Bewohner des Klosters ermordert. Erst einige Jahre später konnte es wieder von Christen besetzt und zum Leben erweckt werden.

Auf Zeitreise im Kloster Mor Gabriel

Heute ist das Kloster Sitz des Bischofs des Tur-Abdin und ein Wallfahrtsort für syrisch-orthodoxe Christen weltweit. Neben dem Bischof leben und praktizieren hier auch Mönche, Nonnen und Klosterschüler.

Das ist auch der Grund, warum nur ein kleiner Teil des Klosters für Besucher im Rahmen der Führung zugänglich ist. Die wirklich kurze Führung führt im Wesentlichen durch eine Reihe schöner Innenhöfe, die Katakomben und eine Kirche. Und ehe man sich versieht ist man auch schon wieder zurück am Start.

Nicht für Jedermann: überall Absperrbänder in Mor Gabriel

Eckdaten

Location: hier

Was kostet mich das: 10 TL (ca. 1€) für Eintritt und 30 Minuten Führung

Wann besuchen: 8h30 bis 12h00 und 13h30 bis 18h00

Tipp: für den Ausflug von Midyat nach Gülgöze und zum Kloster Mor Gabriel habe ich 300 TL (ca. 30€) bezahlt.

Na dann viel Spaß!

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