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Die Geschichte der Stadt Ani reicht gute 1.500 Jahre zurück. Sie wurde im 5. Jahrhundert als Festung der Armenier gegründet und wuchs in den folgenden Jahrhunderten stetig. Um das Jahr 1.000 rum war Ani eine blühende Metropole. Ihre strategische Lage entlang der nördlichen Seidenstraße sowie weiterer wichtiger Handelsnetze machte die Hauptstadt des armenischen Königreiches der Bagratiden zu einem Zentrum von Kultur und Wohlstand. Bis zu 100.000 Einwohner soll sie gezählt haben, was sie damals zu einer der bevölkerungsreichsten Städte der Welt machte.

Zu der Zeit wurde Ani auch Stadt der 1.001 Kirchen genannt. Viele für die damalige Zeit spektakuläre Sakralbauten zierten das von einer massiven Mauer umgebene Bild der historischen Stadt.

Was sich wohl mal hinter diesem Portal befand?

Geblieben ist von Glanz und Gloria leider nur wenig. Belagerungen, Kriege und schwere Erdbeben besiegelten ab dem 12. Jahrhundert das Schicksal der Stadt. Ani verlor allmählich an Bedeutung und geriet in Vergessenheit. Beinahe alle Gebäude sind Heute zerstört – interessanter Weise sind es vor allem die Kirchen, die der Zeit getrotzt haben und zwischen den Trümmerhaufen hervorragen.

Die Innenstadt von Ani

Wie komme ich dort hin

Ani liegt im Nordosten der heutigen Türkei direkt an der armenischen Grenze nur 45km östlich der Provinzhauptstadt Kars. Nach Kars kommt man entweder mit dem Flugzeug. Die Stadt hat einen kleinen Flughafen mit wenigen, aber regelmäßigen nationalen Verbindungen z.B. nach Istanbul Tickets gibt es bereits ab 35€. Außerdem gibt es hier einen Busbahnhof mit guten Verbindungen in alle Richtungen, sogar ins benachbarte Georgien.

Nach Ani kommt man von Kars aus entweder mit dem eigenen Auto oder alternativ wie ich mit dem Taxi. Die Fahrt dauert etwa 45 Minuten je Richtung. Mit meinem Fahrer vereinbare ich 3h Wartezeit zum Erkunden der Ruinen, bevor er mich zurück nach Ani fährt. Das hat mich 200₺ bzw. 20€ gekostet.

Vor Corona gab es auch mal eine Dolmus (Sammeltaxi) nach Ani. Aufgrund der aktuell geringen Turistenzahlen scheint dies allerdings ausgesetzt zu sein.

Der Eingangsbereich zur Kirche von Sankt Gregor

Was liegt wo

Meine Unterkunft: Hotel Kent Ani

Ein einfaches aber durchaus komfortables Hotel in der Innenstadt von Kars. Zwar ist es die günstigste Unterkunft, die sich über das Internet in Kars buchen lässt – dennoch sehe ich absolut keine Makel am Hotel Kent Ani. Zimmer sowie Bad waren sauber, das Bett gemütlich und das WLAN reicht um bei Netflix in HD zu streamen. Leider ist all das keine Selbstverständlichkeit im Osten der Türkei!

Ich bin bereits am Vormittag mit dem Flug aus Istanbul angekommen, mein Zimmer war natürlich noch nicht fertig. Dennoch konnte ich meine Sachen abstellen und mir wurde sofort ein zuverlässiger Taxifahrer für meinen Trip nach Ani organisiert. Das hat alles tadellos funktioniert.

Preis: 12€/Nacht für ein Doppelzimmer inkl. Frühstück

Blick aus meinem Hotelzimmer in Kars

Spaziergang durch das Ruinenfeld des historischen Ani

Ani wurde Opfer vieler Kriege und Eroberungszüge. Zuletzt der Sturm der Mongolen gen Osteuropa vernichtete beinahe die gesamte Bevölkerung. Kaum ein Jahrhundert später erschütterte ein schweres Erdbeben die Stadt, sie hat sich nie wieder von den schweren Schäden erholt. Nach und nach wurde die einstige Metropole Ani auch von den letzten Bewohnern verlassen und geriert in Vergessenheit.

Heute ist Ani eine Geisterstadt. Oder besser gesagt, ein riesiges Trümmerfeld, das von Größe und Reichtum dessen zeugt, was mal eine der wichtigsten Handelsstädte entlang der Seidenstraße war.

Das sind aus meiner Sicht die Highlights beim Besuch in Ani:

  • Die massive Stadtmauer
  • Die Kirche Sankt Gregor von Tigran Honent mit ihren Fresken
  • Die Kathedrale von Ani (auch wenn sie Stand August 2021 umfangreich renoviert wird)
  • Die Zitadelle und der wunderbare Blick von hier in die Schlucht des Grenzflusses Arpaçay
Die gute Hälfte der Erlöserkirche

Nichtsdestotrotz fand ich den Besuch der historischen Stätte äußerst spannend. Einige der mehr als Tausendjahre alten Gebäude sind noch gut erhalten und geben mit etwas Phantasie ein Bild dessen, wie es hier mal ausgesehen haben könnte. Außerdem sind die Ruinen äußerst schön und spektakulär an der Schlucht des Flusses Arpaçay gelegen, der heute die natürliche Grenze zwischen der Türkei und Armenien bildet.

In der Kirche Sankt Gregor von Trigan Honent sind die Fresken noch gut zu sehen

Nach der äußerst aufregenden und dezent angsteinflößenden Fahrt mit meinem Rally-/Taxifahrer kommen wir an einem großen Parkplatz mitten im Nichts an. Was mich etwas überrascht ist die Größe des Parkplatzes. Auch das dahinterliegende Besucherzentrum ist bedeutend größer, als ich es mir vorgestellt habe. Denn eigentlich liegt Ani wirklich fernab vom Schuss, man kommt hier nicht zufällig vorbei und entscheidet sich, hier mal rasch auf dem Weg nach irgendwo anzuhalten. Nein. Wer nach Ani will, muss das schon wirklich explizit einplanen. Daher bin ich erstaunt, dass man hier tatsächlich auf Massentourismus vorbereitet zu sein scheint. Tatsächlich sind außer mir aber nur wenige andere Leute dort.

Der Eingang zur historischen Stätte selbst liegt im größten noch stehenden Gebäudekomplex: der Stadtmauer mit ihren Toren und Wachtürmen.

Historische Stadtmauer von Ani

Hinter der Stadtmauer tut sich ein Netz aus Gehwegen auf. Zwar ist von den Strukturen der ehemaligen Wohnhäusern der Stadt nicht viel übrig und das Baumaterial liegt wirr auf dem Acker verstreut. Dennoch handelt es sich hierbei um aktive Ausgrabungsstätten. Hier werden sowohl historische Gegenstände als Zeitzeugen der Geschichte Anis gesucht, als auch Restaurierungen zum Erhalt und teilweisen Wiederaufbau der Gebäude durchgeführt.

So auch bei der Erlöserkirche. Denn der Kirche mit kreisrundem Grundriss fehlt nach einem Sturm in den 1960er Jahren die Rückseite. Das Gebäude ist einsturzgefährdert und wird aktuell vor allem durch aufwändige Gerüstkonstruktionen vor der Zerstörung bewahrt.

Trivia: mich als Hobby-Programmierer erinnert das an meine letzten Produkte. Ein vernünftiges Frontend, sodass das Programm von außen betrachtet einen guten Eindruck macht. Doch blickt man hinter die Kulissen und schaut sich Backend genauer an.. da wird einem Angst und Bange. Wem geht das noch so?

Die fehlende Rückseite der Erlöserkirche

Daher ist es wichtig, auf den Gehwegen zu bleiben und nicht zu wild über das Trümmerfeld zu wandern. Im Prinzip kann man hier einen Rundweg entlang der wichtigsten Sehenswürdigkeiten laufen. Im Uhrzeigersinn führt er nach Osten bis zur Schlucht, dann entlang dieser in Richtung Süden bis zur Erhöhung der Zitadelle. Von hieraus geht es dann wieder in westlicher Richtung zurück zum Ausgang in der Stadtmauer.

Wichtig ist auch zu wissen, dass es nicht möglich ist, bis zum Fluss hinunter zu laufen. So schön die Landschaft hier auch aussieht: die Grenze selbst ist nicht nur geschlossen und eine Einreise nach Armenien von hieraus nicht möglich, sie ist sogar Sperrgebiet. Ein hoher Zaun mit Stacheldraht entlang der Schlucht signalisiert das recht deutlich.

Die Grenze zu Armenien ist Sperrgebiet

Das schönste Gebäude ist aus meiner Sicht die Kirche Sankt Gregor von Tigran Honent. Zum einen, weil sie von allen Strukturen in Ani noch im besten Zustand ist. Zum anderen liegt sie einfach malerisch direkt an der Schlucht, dass man auch immer den sich schlängelnden Grenzfluss mit im Blick hat.

wunderschön gelegen: die Kirche Sankt Gregor von Tigran Honent

Vor dem Eingangsbereich zum Hauptgebäude stand mal eine kleine Kapelle, die Heute weitestgehend zerstört ist. Man erkennt aber noch die vielen schönen in den Stein eingearbeiteten Ornamente, die einst die Torbögen zierten. Auch die Fresken, die Heute im Freien liegen, sind noch gut erhalten und kaum durch die Sonnenstrahlen ausgeblichen.

Besonders gut erhalten sind aber vor allem die Fresken im Innenraum des Hauptgebäudes, die aus dem frühen 13. Jahrhundert stammen.

Die Fresken in der Kirche Sankt Gregor von Tigran Honent

Weiter geht’s zur Kathedrale von Ani. Sie war das größte und imposanteste Gebäude der Stadt. Eine Kreuzkuppelkirche, die für armenische Gotteshäuser ungewöhnlich groß war, da die meisten eher gedrungene Gebäude mit rundem oder quadratischen Grundriss waren und sind.

Bei einem Erdbeben im vergangenen Jahrhundert ist auch die Kathedrale schwer beschädigt worden, große Teile der Fassade sind vom Einsturz bedroht. Beinahe das gesamte Gebäude ist aktuell (Stand August 2021) in ein Gerüst gehüllt um die Konstruktion zu stützen.

Es ist schön zu sehen, dass die türkische Regierung sich bemüht, die historischen Bauwerke von Ani zu retten und die Gebäude vor dem Einsturz zu bewahren. Auch wenn – und das unterstelle ich jetzt mal ganz frech – der Hintergrund sicherlich eher im wirtschaftlichen Interesse mit Ani als Touristenmagnet liegen dürfte. Und weniger im Erhalt der Zeugen armenischer Kultur.

Die Kathedrale von Ani

Auch im Innenraum ist die Kathedrale ein beeindruckendes Bauwerk. Das Kuppeldach war eins auf den vier riesigen, freistehenden Säulen gebaut. Rippen zwischen den Säulen stützen die Konstruktion. Baumerkmale, die sich auch in der Architektur der Gotik Westeuropas wiederfinden. Nur eben, dass diese erst etwa 200 Jahre später auftauchte! Spaniens erste gotische Kathedrale wurde um das Jahr 1.200 gebaut und steht in Ávila nahe Madrid.

Es wird daher angenommen, dass die Kathedrale von Ani die westeuropäische Architektur maßgeblich beeinflusst hat.

Durch Rippenbögen gestützt: die Halle der Kathedrale von Ani

Trivia: ganz so rosig steht es um die Beziehung zwischen Armenien und der Türkei weiterhin nicht. 2010 kam es zu einem beinahe schon passiv-aggressiven Eklat. Eine Gruppe christen besuchte die verlassene armenische Kirche zum Heiligen Kreuz auf der Insel Akdamar im Van See. Als Protest daraufhin sahen sich türkische Nationalisten gezwungen, sich an der Kathedrale von Ani zu treffen, um islamische Gebete zu sprechen. Man darf jetzt gern mit der Stirn runzeln.

Von der Kathedrale aus laufe ich zur Zitadelle. Bzw. dem, was davon übrig ist. Denn eigentlich ist die Festungsanlage, die auf einem Hügel am südöstlichen Ende der Stadt stand, vollkommen zerstört. Allerdings hat man von hier oben einen ganz guten Rundblick in die Schlucht. Auf die armenische Seite. Auf das Trümmerfeld Ani.

Hier mache ich es mir im Schatten der Mauerreste gemütlich und genieße die Aussicht. Und den Schatten, denn davon gibt es hier in Ani nicht besonders viel. Sonnencreme nicht vergessen!

Blick auf Ani von der Zitadelle aus

So langsam mache ich mich auf den Rückweg. Ich hatte mit meinem Taxifahrer vereinbart, dass er 3h am Eingang auf mich wartet, während ich mir Ani anschaue. Die Zeit ist langsam rum und ich laufe von der Zitadelle hinunter in Richtung Stadtmauer, von wo es zurück zum Parkplatz geht.

Auf dem Weg komme ich noch an der Kapelle Sankt Gregor des Abughamrents vorbei. Eine kleine Kapelle mit rundem Grundriss. Leider sind die Fresken im Inneren völlig ausgeblichen.

Die kleine runde Kapelle des Sankt Gregor

Wer gut zu Fuß ist und gerne klettert, kann noch versuchen, die Höhlen von Ani zu erkunden. Entlang der Felswand an der Schlucht im Süden der Stadt haben die ersten Siedler der Gegend ein kleines Höhlensystem erschaffen, um sich vor Angreifern zu verstecken und zu schützen. Am besten Schuhe mit einem guten, rutschfesten Profil mitbringen!

Die Höhlen in Ani

Nach dem kleinen Umweg zu den Höhlen hinunter brummt schon ständig mein Handy. Der Taxifahrer wird nervös, weil ich meine erwarteten deutschen Pünktlichkeit wohl nicht gerecht werde. Daher verabschiede ich mich von der Stadt Ani. Der erste Stop auf meiner Reise durch den Osten der Türkei war für mich wirklich sehr beeindruckend!

Der Ausgang durch die beschädigte Stadtmauer

Eckdaten

Was kostet mich das: 22 ₺ Eintritt + 200 ₺ für die Hin- & Rückfahrt mit dem Taxi | Gesamt 222 ₺ bzw. 22,20 €

Dauer des Besuchs: 3h vor Ort sind eine gute Zeit. Die Fahrt von und nach Kars dauert je ca. 45 Min. Mit einer kleinen Pause dauert der gesamte Ausflug also etwa 5h.

Wann besuchen: Öffnungszeiten im Sommer zwischen 9 und 19 Uhr | im Winter zwischen 9 und 17 Uhr

Die Mauern von Ani

War noch was?

Wie bereits erwähnt finden an vielen Gebäuden in Ani umfangreiche Restaurierungsarbeiten statt. Daraus entspringt zum einen die Hoffnung, das kulturelle Erbe zu erhalten. Auf der anderen Seite birgt eine Restaurierung auch die Gefahr, es total zu verkacken. Und die jüngere Geschichte hat uns immer wieder prominente Beispiele dafür gezeigt. Wer erinnert sich noch an das Jesus-Fresko in der Spanischen Kirche von Borja?

Ganz ähnliche Tendenzen gibt es leider auch in Ani zu beklagen. Im Süden der Stadt wurde Ende des 20. Jahrhunderts ein Palast wieder aufgebaut mit, nunja, sagen wir mal strittigem Ergebnis.

Dabei ist es natürlich jedem selbst überlassen, wie man sich am besten in vergangene Zeiten zurückversetzen kann. Durch Ruinen wandern und die Phantasie spielen lassen? Oder sich durch einen modernen Wiederaufbau zeigen lassen, wie es hier wohl mal ausgesehen haben mag? Entscheidet selbst!

Der wieder aufgebaute Palast von Ani

Weiter geht’s: Ausflüge in der Umgebung

Für viele Reisende in der Ost-Türkei geht es als nächstes zum größten See der Türkei: dem Van See. Hier gibt es nicht nur den großen Salzsee, dessen Wasser sich ähnlich ölig anfühlt wie das des Toten Meeres. Außerdem gibt es auch eine reihe alter Burgen und Festungen, die älteste noch aus der Zeit der Urartäer vor Christi Geburt.

Die Festung von Van

Wer etwas mehr Zeit hat, sollte einen Zwischenstopp in Doğubeyazıt in Erwägung ziehen. Die kleine (und an und für sich nicht sehr schöne) Stadt liegt zwischen Kars und Van, direkt an der Grenze zu Iran. Hier gibt es einen wunderschönen Palast von Ishak-Pasha im Stil der Seldschuken zu sehen. Außerdem liegt vor den Toren der Stadt der Berg Ararat, auf dem nach biblischer Erzählung Noah mit seiner Arche zum ersten Mal wieder auf Land traf!

Der Ishak-Pasha Palast in Doğubeyazıt

Na dann viel Spaß!

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