Top

Yazd ist eine Oase inmitten einer der größten Wüsten im Osten des Iran. Ringsherum gibt es neben der Trockenheit nicht vieles, was über die Zeit den widrigen Bedingungen getrotzt hat. Doch der Mensch hat auch an den unwirtlichsten Orten Spuren hinterlassen.

Eine dieser Siedlungen ist auch Kharanaq, nur etwa eine Stunde außerhalb von Yazd. Bereits vor über 4.500 Jahren ließen sich hier die ersten Menschen nieder und bedienten sich an dem, was die Natur hier zu bieten hat. Wasser aus einem Fluß der aus dem umgebenen Gebirge entspringt und.. naja, Lehm. Denn die ganze Stadt besteht aus Lehmziegeln, die nur teilweise durch Holzbalken im Inneren verstärkt sind.

Das wackelnde Minarett

Kharanaq ist weit abgeschnitten vom wirtschaftlichen und kulturellen Leben. Auch fließend Wasser oder sogar Elektrizität gab es im historischen Teil nicht. So zog es vor allem die Jugend auf der Suche nach einer besseren Zukunft immer mehr in die umliegenden Städte, wie etwa Yazd oder sogar nach Teheran. Und so begann der Verfall der alten Lehmsiedlung von Kharanaq. Ein Schicksal, welches ich auch schon bei meinem Besuch im roten Dorf Abyaneh zwischen Kashan und Isfahan beobachten konnte.

Heute ist die verfallene Altstadt von Kharanaq eine Art Abenteuerspielplatz für Touristen auf den Spuren der Vergangenheit. Abseits der touristischen Pfade (die es auch im Iran gibt) können sich Wagemutige hier ihre Portion Nervenkitzel bei einer Kletterpartie durch das Labyrinth aus verlassenen Gebäuden abholen.

Was liegt wo?

Und das ist mein Trip nach Kharanaq gewesen

Unser Taxi parkt am Rand der Altstadt – oder eher am Rande dessen, was davon übrig ist. Der Fahrer erklärt uns noch kurz die grundlegende Regel für unseren Besuch. Kurz zusammengefasst waren dies in etwa seine Worte: passt auf, wo ihr hintretet, denn alles ist sehr brüchig.

Und dann sind wir auch schon auf uns allein gestellt und fangen an, Kharanaq zu erkunden. Vom Parkplatz aus kämpfen wir uns durch etwas Schutt auf das Dach eines Gebäudes. Von hier gibt es einen herrlichen Überblick über das, was wir heute zu Fuß, auf Knien und mit Hilfe der Hände erkunden wollen.

Blick über die Dächer von Kharanaq

Die Witterung trägt die lehmige Bausubstanz nach und nach ab. Die halbverfallenen Überreste wirken beinahe, als würden sie wie Käse auf der Erde schmelzen.

Nichtsdestotrotz, oder gerade deshalb, ist der Anblick auf das Dorf und wie es sich vom Hügel hinab zum ausgetrockneten Flussbett erstreckt wirklich beeindruckend. Im Verfall liegt nämlich häufig eine morbide Schönheit.

Die Silhouette der Gebäude zeigt viele Kuppeldächer. Einige dieser Kuppeln spannen sich über große Säle, die wohl zu öffentlichen Gebäuden gehört haben. Außerdem lassen sich auch einige Dome entdecken, die mich an die Licht- & Luftdome auf den Dächern von Kashan erinnern. Aus den Bruchkanten der eingestürzten Häuser ragen Holzbalken, die wohl zusammen mit Stroh als Stützmaterial in die Konstruktion eingebaut wurden.

Ein Wohnviertel in Kharanaq

Unter all den Ruinen sticht vor allem ein Turm heraus. Das sogenannte Wackelnde Minarett (Shaking Minaret) ist eine der wenigen gut renovierten Gebäude des historischen Teils von Kharanaq.

Den Namen verdankt der Turm einer Spezialfunktion, die in der Konstruktion vorgesehen wurde. Gibt man dem oberen Teil einen kleinen Stupser, fängt das Minarett an zu wackeln. So heißt es zumindest, denn ausprobieren konnte ich es leider nicht, da der Zugang leider gesperrt war. Denn das Wackeln würde in diesem Zustand vermutlich irgendwann nahtlos zum Einsturz des Gebäudes führen. Und das wäre schade, denn es ist eines von nur dreien im Iran mit dieser Funktion und daher von besonderer Bedeutung.

Trivia: das Wackelnde Minarett von Kharanaq ist das weltweit größte, ausschließlich aus Lehm gebaute Minarett!

Kraxeln auf dem Weg zum Wackelnden Minarett

Um dorthin zu kommen gibt es erstmal keinen ersichtlichen, direkten Weg. Und um ehrlich zu sein, haben wir das auch nicht erwartet. Denn gedanklich habe ich mich schon mit Kharanaq als Kletterpark mit garantiertem Adrenalinkick eingestellt. Und so starten wir auch einfach ab durch die Mitte. Es geht über Dächer, die beim Laufen leicht nachgeben. Über schmale Mauern, wo es links und rechts mehrere Meter in die nächst tiefere Ebene geht. Gilt das eigentlich als therapeutische Maßnahme gegen meine Höhenangst?

Doch der schwierige Weg hat sich gelohnt. Zum einen, weil das Foto ziemlich cool geworden ist (danke @Anna-Lena). Und zum anderen, weil man von hieraus prima über die weitere Route sinnieren kann.

Sobald sich das Adrenalin gelegt hat, kann ich wieder cool für Fotos posieren.

Jetzt muss ich erstmal versuchen mit den anderen beiden wieder zusammen zu kommen. Das ist gar nicht so einfach. Da es ja keinen direkten Weg gibt, versucht eben Jeder auf seine Weise zu mir aufzustoßen. Der Zustand der Gebäude durch bzw. über die man läuft ist nun mal einfach schlecht, jederzeit besteht Einsturzgefahr. Daher ist dauerhaft äußerste Vorsicht geboten!

So etwas würde es in Deutschland nie geben.

Das Kuppeldach dieses großen Saals ist bereits eingestürzt

Von hieraus wollen wir uns weiter in Richtung des Tals vorkämpfen. Von der Ferne sieht man bereits das ausgetrocknete Flussbett, an dessen Ufer das Dorf einst lag. Von hieraus wird der Weg wohl zunächst noch etwas abenteuerlicher. Denn nun beginnt der Hang, an dem das Dorf gebaut ist, steiler zu werden. Somit müssen wir auf dem Weg mehr klettern, um die Höhenunterschiede in dem Labyrinth aus Ruinen zu überwinden.

Dächer und Terrassen von Kharanaq

Das hat viel von Trial & Error. Wir schlüpfen durch Löcher im Dach in ehemalige Wohnräume und hoffen, von dortaus durch eine Tür oder ein weiteres Loch voran zu kommen. Das klappt nicht immer und so klettern wir mitunter auch wieder zurück, um einen anderen vom Verfall geschaffenen Pfad zu testen. Es erinnert mich irgendwie an Super Mario. Man hüpft in eines der Abflussrohre und weiß nie genau wo man rauskommen wird.

Ab durch die Ruine!

Ok zugegeben. Wirklich vernünftig sind wir hier alle gerade nicht, das möchte ich noch mal betonen. Aber das Entdecken, das Finden eines möglichen Weges und das Erkunden, was von der alten Siedlung übrig geblieben ist, macht wahnsinnig viel Spaß. Dabei wird auch so viel Adrenalin ausgeschüttet, dass ich meine Höhenangst wirklich eine Zeit lang ausschalten kann. Ich fühle mich ein bisschen wie Indiana Jones – nur eben ohne Peitsche.

Auf dem Weg zum Flussbett

Und eigentlich ist auch alles ganz schnell vorbei. Und als wir am Flussbett ankommen sind wir auch irgendwie froh, es ohne weitere Blessuren geschafft zu haben. Ich frage mich, wann hier wohl das letzte mal Wasser durchgeflossen ist? Eine große, steinerne Brücke verbindet beide Uferseiten miteinander. Heute wird sie sicher kaum mehr benutzt, gibt aber ein prima Motiv mit dem historischen Kharanaq und dem sandigen Gebirge im Hintergrund ab.

Blick vom ausgetrockneten Flussbett auf Kharanaq

Für den Rückweg wählen wir den einfachen Weg und laufen von der Brücke aus die Straße bis zum Parkplatz nach oben zurück. Es geht also auch ganz ohne zu klettern – wesentlich sicherer, aber auch weniger spektakulär.

Bevor wir nach Yazd zurück fahren, halten wir zunächst an einem zoroastrischen Schrein namens Chak Chak. Ein spiritueller Ort für die religiöse Minderheit, der auch die Familie von Freddy Mercury angehört. Während wir dorthin laufen passieren wir eine iranische Großfamilie, die in einer schattigen Ecke gerade ein Picknick vorbereitet. Im Vorbeigehen tauschen wir flüchtig Blicke aus und ehe wir uns versehen, kommt uns ein kleines Mädchen hinterher gelaufen. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob sie ein paar Brocken Englisch sprach oder uns nur per Gestik signalisiert hat doch ihrem Familientreffen beizuwohnen und mit ihnen zu Mittag zu essen. Der Einladung sind wir gern gefolgt.

Mit den Jüngeren können wir uns auf Englisch unterhalten, während die Erwachsenen im Hintergrund sitzen und sich auch ohne mit uns zu sprechen über den Besuch freuen. Wir rauchen Shisha, trinken Tee und immer wieder bringt uns jemand etwas zu essen von dem Buffet.

Tatsächlich sind die Iraner sehr offenherzig und neugierig; es kommt immer wieder vor, dass man spontan zum Tee oder Essen eingeladen wird. Es lohnt sich wirklich, den Einladungen zu folgen, sich auszutauschen und etwas von dem zu erleben, was die Iraner in meinen Augen so unverwechselbar macht: ihre bedingungslose Gastfreundschaft.

Kurzes Picknick gefällig?

Mit vollen Mägen geht es wieder zurück ins Taxi und weiter zu unserer letzten Station, bevor der Tag endet. Kurz vor den Toren von Yazd halten wir noch in Meybod und wollen uns die Festung von Naryn anhalten. Dabei handelt es sich um eine vollständig aus Lehm und Stroh gebaute Festung, die bereits über 2.000 Jahre alt ist.

Zwar ist auch hier schon vieles zu Bruch gegangen und die Lehmkonstruktion zerbröselt. Dennoch lohnt ein kurzer Stop zum Schlendern entlang der massiven Mauern.

Die imposante Burg von Naryn
Unterwegs in der Festung von Naryn

Na dann viel Spaß!

post a comment