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Es muss Anfang Mai gewesen sein, als Markus Söder die gute Nachricht verbreitet hat. Die Corona Lage in Bayern entspannt sich und dadurch sollen sogar wieder touristische Übernachtungen erlaubt werden. Ab dem Pfingstwochenende darf man wieder dort übernachten und im Biergarten sitzen, wo die Inzidenz stabil unter 100 liegt. Also nahezu überall (außer Coburg).

Für mich eine sehr gute Neuigkeit. Denn zum einen freue ich mich sehr der Monotonie des Home-Office Alltags zu entfliehen. Zum anderen ist meine Maps.Me Wunschkarte in Bayern gut gefüllt, hier gibt es einige spannende Orte, die ich besuchen möchte.

Der Marktplatz von Dinkelsbühl

Mein erstes Ziel sollte Dinkelsbühl werden. Der kleine Ort in Mittelfranken steht ein wenig im Schatten seines deutlich populäreren Nachbars Rothenburg ob der Tauber. Und dabei sind die beiden Städte aus ganz ähnlichen Gründen so attraktiv: eine nahezu intakte Mauer umgibt die Altstadt. Eine Reihe an Wehrtürmen und Stadttoren mit malerischen Erkern und geschmückten Giebeln. Häuserfassaden so bunt, dass sie scheinbar die gesamte Farbpalette der Faber-Castell Buntstiftbox in der Maxi Variante abdecken.

Mach bunt!

All das verleiht Dinkelsbühl einen wirklich romantischen Flair. Und es ist sicherlich auch kein Zufall, dass vielen Besuchern diese Umschreibung direkt ins Auge Sticht. Denn die Stadt gehört zur Romantischen Straße, einer der wichtigsten touristischen Anziehungspunkte Süddeutschlands.

Die Romantische Straße ist ein Bund an besonders schönen Landschaften und historischen Altstädten, die sich im Wesentlichen zwischen Würzburg und Füssen befinden. Gegründet wurde der Zusammenschluss in den 1950er Jahren, um Deutschland wieder auf die touristische Landkarte zu bugsieren. Und das mit Erfolg: Heute ziehen die vielen kleinen Orte der Region jährlich eine große siebenstellige Zahl an Touristen an. Und für ein langes Wochenende durfte ich Teil dieser Statistik werden!

Trivia: ein großer Teil der Strecke wird beinahe seit Beginn der Kampagne von einem Fernbus-Service bedient. Der Romantic Road Coach ist somit Deutschlands älteste Fernbuslinie. Den englischen Namen hat die Linie vermutlich daher, dass die ersten internationalen Touristen auf der Romantischen Straße Amerikaner der Besatzungsarmee mit ihren Familien waren.

Blick auf das Münster St. Georg von der Westmauer aus

Meine Unterkunft: Hotel Romantik Blauer Hecht

Das Hotel befindet sich in einem historischen Haus in der Altstadt von Dinkelsbühl liegt direkt auf der Rückseite des Rathauses. Da kann man nicht meckern. Allerdings ist das Interieur sehr abgelebt und weit entfernt von schick. WLAN funktioniert so gut wie gar nicht, auch nach mehrfacher Nachfrage nicht. Ein Ärgernis, wenn man eigentlich noch etwas arbeiten möchte und dann dafür wieder den eigenen Hotspot nutzen muss.

Auch der Küche konnte ich nicht viel abgewinnen, das Essen war etwas lieblos gekocht und an den Tisch gebracht. Vielleicht liegt es an den Startschwierigkeiten nach der langen Corona Auszeit? Wollen wir es hoffen!

Was liegt wo?

Und das gibt es in Dinkelsbühl zu sehen

Die alte Stadtmauer

Die gesamte Altstadt von Dinkelsbühl ist von einer Stadtmauer umgeben. Da ich mir gern zunächst einen Überblick über neue Orte verschaffe, um mein inneres GPS mit Daten zu füttern, ist das auch direkt mein erster Anhaltspunkt. Einen Wehrgang auf der Mauer gibt es hier leider nicht. Das fand ich in Rothenburg o.d.T. eigentlich recht praktisch, da sich von dort oben ein guter Ausblick auf die Dächer und Plätze der Stadt erhaschen ließ.

Zunächst laufe ich zum Rothenburger Tor im Norden der Stadt. Es ist eines von vier verbleibenden Stadttoren, die auch mit dem Fahrzeug passiert werden können. Die anderen drei sind das Segringer Tor im Westen, das Nördlinger Tor im Süden sowie das Wörnitz Tor im Osten. Eines in jeder Himmelsrichtung.

Das Rothenburger Tor von der Altstadtseite

Das Rothenburger Tor wurde Ende des 14. Jahrhunderts gebaut und ist demnach genau wie sein Baumaterial steinalt. Auf der stadtzugewandten Seite ist der Turm des Tores mit einem schönen Stufengiebel verziert, während die Außenseite eher auf seinen Verteidigungscharakter schließen lässt. Während Angreifer die Durchfahrt erobern wollen würden sie aus den vielen Schießscharten des basteiartigen Vorbaus malträtiert.

Das Rothenburger Tor von außen

Weiter geht es entlang der Mauer entgegen des Uhrzeigersinns gen Westen. Auf dieser Seite liegt die Stadt auch etwas höher. Dank des leichten Gefälles kann man an einigen Stellen die Gassen hinunter bis zum zentralen Marktplatz schauen.

Meine Bemühungen, einen geeigneten Winkel für ein Foto stadteinwärts zu finden, wecken das Interesse von einem der Anwohner direkt an der Mauer. Nach einem kurzen Schnack bittet er mich in seinen Garten, von da aus gäbe es doch einen viel schöneren Blick – ohne die lästigen Wäscheleinen im Weg. Die Einladung nehme ich gerne an. Und während ich eines meiner Lieblingsfotos aus Dinkelsbühl knipse erklärt mir der Herr, dass Dinkelsbühl noch sehr viel originale, mittelalterliche Bausubstanz hat. Anders als z.B. Rothenburg kam die Stadt recht glimpflich durch die Kriegszeit. Das erkenne man wohl vor allem an den vielen, durchhängenden Firsten der Satteldächer. Wieder was gelernt!

Eines meiner Lieblingsfotos aus Dinkelsbühl!

Weiter gehts zum Segringer Tor, der westlichen Zufahrtsstraße zur Altstad. Der gelbe Turm sticht natürlich etwas hervor, denn sein zwiebelförmiges Türmchen scheint nicht ganz in das mittelalterliche Stadtbild zu passen. Und tatsächlich musste der Turm im 17. Jahrhundert nach einer Belagerung neu aufgebaut werden. Und was der Plattenbau für die DDR war, war eben der Zwiebelturm für den Barock, der Heute das Segringer Tor schmückt.

Das Segringer Tor

Vom Segringer Tor führt eine gleichnamige Straße direkt zum Zentralen Marktplatz, an dem auch die zentrale Kirche der Stadt steht. Aufgrund des leicht abschüssigen Verlaufs hat man vom Turm aus einen herrlichen Blick entlang der bunten Fassaden und vielen Dächer der Stadt bis hin zum Münster St. Georg.

Das bunte Dinkelsbühl entlang der Segringer Straße

Weiter geht es in südlicher Richtung zum Nördlinger Tor. Auch von hier bietet sich ein schöner Blick in die Innenstadt entlang der Nördlinger Straße, die ebenfalls am zentralen Marktplatz mündet. Über eine Treppe gelang man auf einen kleinen Wehrgang, der nur direkt über der Zufahrt in die Stadt verläuft. Immerhin bietet sich aber von hier eine vorteilhafte Perspektive in Richtung der Innenstadt.

Blick vom Wehrgang des Nördlinger Tors

Direkt neben dem Nördlinger Tor steht die Stadtmühle. Tatsächlich hätte ich das Gebäude ohne Hinweisschild kaum als Mühle erkannt, sondern eher als eine Art Bastei.

Mühlen waren im Mittelalter zumeist von besonderer strategischer Bedeutung. Denn damals durfte der Kaiser über die Verwendung des von ihm verwalteten Bodens entscheiden. Dazu zählte auch, dass er verfügen konnte, wer ein bestimmtes Gewerbe eröffnen durfte. Diesem sogenannte Bannrecht unterlag eben auch der Bau sowie Betrieb von Mühlen. Man musste also sein Getreide entweder in einer vom Kaiser zugewiesenen Mühle gegen Gebühr mahlen lassen oder ihn höchstpersönlich um das Recht auf einen eigenen Betrieb bitten.

Das befestigte Nördlinger Tor mit der Stadtmühle

Trivia: das Bannrecht, zu dem neben den Mühlen auch die Brauerei und die Winzerei gehörten, wurde erst im 19. Jahrhundert offiziell aufgehoben, um die freie Marktwirtschaft zu fördern!

Entlang der östlichen Mauer der Stadt verläuft die Wörnitz, ein kleiner Fluss der später in die Donau fließt. Da die Mauer direkt am Wasser liegt, muss man auf einen Fußweg auf der kleinen Wörnitzinsel ausweichen.

Von hieraus gibt es einen wunderschönen Blick auf die befestigte Altstadt mit ihren Wehrtürmen und den direkt an der Mauer gebauten Wohnhäusern. Dabei sticht vor allem der Bäuerlingsturm hervor. Auf dem gemauerten Untergeschoss ist ein Fachwerkbau mit besonders steil verlaufendem Satteldach aufgesetzt. Er gilt als eines der Wahrzeichen der Stadt Dinkelsbühl – und wer kann da widersprechen?

Das Wörnitzufer mit dem Bäuerlingsturm im Hintergrund

Im Frühsommer blüht auf der kleinen Wörnitzinsel der Raps. Das riecht nicht nur schön, das leuchtet auch ganz intensiv gelb und bietet einen fantastischen Vordergrund für Bilder von Dinkelsbühls mittelalterlicher Skyline. Zwar muss man sich ein wenig die Hosenbeine einsauen, um eine passende Perspektive zu finden – doch das lohnt sich!

Auf der Wörnitzinsel blüht alles

Das Wörnitztor ist das letzte der vier Stadttore auf meiner Tour entlang der alten Mauer. Das rotverputzte Tor ist mit zwei Wappen dekoriert, die angeblich an allen Toren angebracht sind. Allerdings habe ich die nicht so direkt gefunden und auch auf meinen Bildern sind beide nur auf dem Rothenburger Tor sichtbar.

Das linke ist das Stadtwappen von Dinkelsbühl: drei goldene Dinkelähren auf drei Hügeln. Rechts davon das Wappen, welches Dinkelsbühl als freie Reichstatt markiert: schwarzer Adler auf gelbem Hintergrund.

Das Wörnitztor mit dem Wappen der Stadt so wie dem der Reichsunmittelbarkeit

Die bunte Innenstadt

Nachdem ich entlang der Mauer schon den ein oder anderen Blick in Richtung der Innenstadt werfen konnte, geht es nun endlich ins Zentrum. Durch das Wörnitztor kommt man am alten Rathausplatz an, der neben einem kleinen Brunnen vor allem viele bunter Häuser zu bieten hat. Zwischen den Fassaden ragt einem die Rückseite des Münsters St. Georg entgegen.

Der Altrathausplatz mit dem massiven Münster im Hintergrund

Beinahe die Hälfte aller Gebäude der inneren Altstadt wurden bereits im Mittelalter vor dem 15. Jahrhundert gebaut. Auch der Rest ist zum Großteil kaum 200 Jahre älter. Das macht die gewachsene Altstadt so individuell und reizvoll.

Hier sollte man sich einfach treiben lassen. Vor allem die vielen kleinen, verwinkelten Gassen entlang des Gefälles von West nach Ost bieten immer wieder schöne Fotomotive. Dabei sind die Häuser so bunt und individuell, wie man es sich nur vorstellen kann.

Das Zentrum der Altstadt ist der Markplatz bzw. Weinmarkt, wie er auch heißt. Hier steht eine Reihe besonders schöner Häuser, die den Verlauf der Zeit eingefangen haben. Vom gotischen Stufengiebel ganz links im Bild bis zum schwungvollen barocken Volutengiebel weiter rechts ist für jeden Geschmack etwas dabei. Viele der Gebäude sind urige Cafés oder Restaurants, die typische Gerichte der Region anbieten. Der Klassiker ist der Karpfen, der direkt aus der Wörnitz vor den Toren der Stadt kommt.

Der Weinmarkt

Am Marktplatz steht auch die Pfarrkirche der Stadt, das Münster St. Georg. Die gotische Hallenkirche stammt aus dem späten 15. Jahrhundert und dominiert aus allen Richtungen guckend das Stadtbild. Ein Besuch lohnt sich nicht nur wegen der beeindruckenden aus Sandstein gebauten Halle und dem angenehm kühlen Klima während der warmen Frühsommertage.

Normalerweise kann man auch den Turm der Kirche gegen ein geringes Entgelt besteigen und so den Blick aus der Vogelperspektive über die Stadt genießen. Das wäre genau mein Ding – leider ist das aufgrund der Pandemie während meines Besuchs gerade nicht möglich. Vielleicht ja beim nächsten Mal.

Blick durch das Mittelschiff des Münsters

Außerhalb der Mauern

Seit 1951 finden in Dinkelsbühl jährlich zu Pfingsten ein Volksfest der Siebenbürger Sachsen statt. Im vergangenen Jahrhundert – und bis Heute andauernd – wurde ein großer Teil der Siedler aus ihrer Heimat im heutigen Rumänien in alle Welt vertrieben. Viele zog es nach Deutschland, die Bundesrepublik zahlte eine Art „Prämie“ für den Rückkauf der deutschsprachigen Minderheit an die Regierung Rumäniens.

Während der sogenannten Heimattage kommen bis zu 20.000 Menschen nach Dinkelsbühl, um hier gemeinsam ihrer Geschichte und Vertreibung zu gedenken und natürlich ihre Kultur aufleben zu lassen. Nun bin ich ja zufällig über Pfingsten in Dinkelsbühl – doch leider fällt das Fest dieses Coronabedingt abermals aus.

Im Park auf der Westseite der Mauer steht ein Denkmal zur Andacht an die vielen Vertriebenen und Verstorbenen Siebenbürgen. Dass ich so kurz nach meiner eindrucksvollen Reise durch das wunderschöne Siebenbürgen vergangenen zufällig so schnell wieder mit der Kultur in Berührung kommen würde, ist für mich eine angenehme Überraschung.

Gedenke der Deutschen Söhne
und Töchter Siebenbürgens,
die in zwei Weltkriegen und
schweren Nachkriegsjahren,
Ihr Leben ließen.

Im Osten, Westen, Süden
und Norden:
auf der Flucht,
hinter Stacheldraht,
in der Heimat

Denkmal für die Siebenbürger Sachsen

Weiter gehts entlang des Mauergrabens auf der Westseite der Stadt. Sowohl der Graben selbst als auch der höher gelegene Park, in dem auch das Siebenbürgen-Denkmal steht, sind herrlich um Spazieren ausgebaut. Immer wieder führen Holzbrücken über den Graben zu den alten Wehrtürmen der Mauer, durch deren Tore es in die Innenstadt geht.

Kräutergarten an der Mauer

Am Nordende der Stadt, etwas außerhalb des Rothenburger Tors gibt es den kleinen Biergarten „Zur Schleuse“. Und hier darf man das Garten im Namen gern buchstäblich nehmen – denn die Biergarnitur steht mitten auf einer Wiese zwischen Apfel- und Kirschbäumen. Ein wirklich schönes Ambiente, um es sich bei Bier und Flammkuchen gemütlich zu machen und die müden Füße nach einem langen Spaziergang etwas zu entspannen. Mal ehrlich, könnte das Umfeld noch idyllischer sein?

Im Biergarten "zur Schleuse"

War noch was?

Wer schon mal in der Gegend ist, sollte natürlich auf jeden Fall einen Besuch in einer von Deutschlands märchenhaftesten Städte einlegen: Rothenburg ob der Tauber. Der Ort liegt kaum eine halbe Stunde der A7 nach Norden folgend und liegt nicht umsonst so im Trend bei Instagrammern und Chinesischen Reisebussen.

Wunderschönes Rothenburg o.d.T.

Na dann viel Spaß!

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