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Shiraz war ein wirklich erlebnisreicher Stop mit vielen Highlights aus den Bereichen Geschichte, Kultur und der kinnladenherunterklappenden Schönheit der persischen Baukunst. Um das zu verarbeiten braucht man etwas Zeit. Und die nehme ich mir – im Rahmen einer siebenstündigen Busfahrt nach Kerman.

Dort geht meine Reise nämlich weiter. Mein nächstes Ziel ist kein geringeres einer der heißesten Ort der Welt!

Die Wüste Lut

Es gibt natürlich mehrere Listen für Temperaturextreme auf der Welt. Die naheliegendste Wertung ist die Lufttemperatur im Schatten, so wie sie auch unsere lieben Wetterfrösche in den Nachrichten angeben. Eine weitere Möglichkeit ist die Messung der Bodentemperatur und das ist auch die Disziplin in der es die Dasht-e-Lut, wie die Lut Wüste auf Persisch heißt, aufs Treppchen geschafft hat:

  1. Platz geht mit 82°C an das Turpan Becken in Chinas nordwestlicher Region Xinjiang. Hier geht es also nicht nur beim Thema Menschenrechtsverletzungen heiß her.
  2. Platz geht mit 71,5°C an die Tucson Wüste in Arizona, USA. Wobei man hier natürlich immer davon ausgehen muss, dass man °C mit °F verwechselt hat.
  3. Platz geht nun schlussendlich an die Lut Wüste mit knapp über 70°C.

Wichtig zu wissen ist allerdings, dass es sich hier nicht um einen einzelnen Punkt handelt, an dem gemessen wird. Nicht etwa der eine schwarze Stein, der die gesamte Energie schwammartig aufsaugt. In der Lut Wüste beträgt die Temperatur in der Fläche häufig über 65°C! Ob meine Schuhsohlen schmelzen werden?

Meine Unterkunft: Akhavan Hotel Kerman

Es ist bereits 22 Uhr als ich in Kerman ankomme. Ich habe mir ein Hotel empfehlen lassen, welches bei der Organisation von Touren in die Wüste helfen kann und erfahrene Fahrer vermittelt. Also fahre ich mit dem Taxi direkt hierhin.

Für nur 20€ bekomme ich hier ein Zimmer inklusive Frühstück. Da es schon spät ist, bringt man mich noch mal in den Speisesaal und ich bekomme sogar noch Abendbrot während der überaus hilfsbereite Hotelbesitzer mit mir über meine Pläne für die kommenden Tage spricht. Er erzählt mir welche Optionen es gibt und gemeinsam stricken wir eine Tour über zwei Tage in die Wüste, die auch einige spannende Highlights der Hochkultur entlang der alten Handelsstraßen beinhaltet. Ich bin begeistert. Beruhigt kann ich also schlafen gehen und weiß mich in guten Händen: denn wie immer im Iran funktioniert es am besten, wenn man es einfach auf sich zu kommen lässt.

Was liegt wo?

Und so sieht ein typischer Trip in die Lut Wüste aus

Es ist ja nicht so, als hätte ich während meiner Iranreise bisher auch nur ansatzweise gefroren. Der Juli ist einfach eine Reisezeit zum dahinschmelzen, buchstäblich. Doch der folgende Trip setzt noch mal einen drauf. Und damit es für Mensch und Gefährt auch erträglich bleibt, werden wir uns nur während der Dämmerung in der Lut Wüste aufhalten.

Daher bleibt uns noch genug Zeit, um auch andere Ziele anzusteuern und den Tag mit dem Erkunden der Vergangenheit in Irans Südosten zu verbringen.

Zitadelle von Rayen

Blick auf die Zitadelle von Rayen

Pünktlich nach dem Frühstück werde ich wie versprochen von meinem Fahrer mit seinem knallgelben Auto abgeholt. Immerhin ist die Limousine so gut klimatisiert, sodass einer feinen Erkältung während der Fahrt nichts im Wege steht.

Unser erster Stop ist die Zitadelle von Rayen, einer verlassenen Stadt aus Lehm. Bereits die Fahrt hierher ist wirklich spektakulär, ich kann den endlos langen, schnurstracksgeraden Straßen in dieser unwirtlichen Umgebung immer etwas Sehnsucht und Fernweh abringen. Kennt jemand das Gefühl?

Weg in die Wüste

Die Zitadelle von Rayen (Arg-e Rayen) ist eine aus Lehmziegeln gebaute Stadt. Die etwa 1.000 Jahre alte, mittelalterliche Stadt ist vollständig durch eine Schutzmauer umgeben und beherbergt etliche Wohngebäude, Bäckereien und eine zusätzlich befestigte Burg.

Die Stadt war bis vor etwa 150 Jahren noch bewohnt, was wohl auch der Grund für ihren unglaublich guten Zustand ist. Denn Lehmbauten brauchen Pflege, sonst platzen die Strukturen im Wechsel aus Regen und Austrocknung auf und geben dem Zahn der Zeit schnell nach.

Blick auf die Burg mit dem Gebirge im Hintergrund

Tatsächlich handelt es sich sogar um die zweitgrößte aus Lehm gebaute Festungsanlage der Welt, gleich nach der beinahe viermal so großen Zitadelle von Bam. Letztere wurde leider bei einem verheerenden Erdbeben 2003 beinahe völlig zerstört. Fast 30.000 Menschen aus der Wüstenregion verloren dabei ihr Leben, als das Beben sie mitten in einer Dezembernacht wie aus dem Nichts traf. Die Wohnhäuser stürzten Reihenweise ein und begruben die Menschen in ihren Trümmern.

Auf dem Vorplatz der Burg

Dennoch ist Rayen ein kaum besuchter Ort. Nur wenige Touristen nehmen den langen Weg von einer der Städte entlang der touristischen Hauptroute wie Shiraz oder Yazd auf sich. Das ist zum einen Schade, da dieses Juwel sicherlich mehr Aufmerksamkeit verdient.

Zum anderen hat es natürlich auch etwas für sich, denn so kann man das Gelände ganz entspannt auf eigene Faust erkunden. Keine Tourbusse, keine unnötige Bürokratie. Nur ein kleiner Eingangsbereich mit provisorischem Ticketschalter und dann steht man auch schon mitten in dem großen Abenteuerspielplatz.

Panorama der Zitadelle

Mein erster Gang führt mich natürlich direkt auf die alte Stadtmauer, ich erhoffe mir von hier einen schönen Blick über die Zitadelle, sodass ich mich erst einmal orientieren kann. Die Treppe nach oben ist schmal und ich ratsche mit Rucksack und Hose an den Wänden entlang bis zu einer kleinen Terrasse. Und das hat sich sehr gelohnt, denn der Blick von hier ist absolut einmalig. Man schaut auf das gesamte Gelände der ummauerten Siedlung und das Gebirge im Hintergrund rundet das Bild ab.

Blick über die Zitadelle

Und während ich mich noch wahnsinnig darüber freue diesen herrlichen Blick über die Zitadelle zu genießen zu können, komme ich kurz ins Grübeln. Ob die verschränkten Holzbretter auf halber Höhe der Treppe mir etwas signalisieren sollten? Ist es vielleicht gar nicht gewünscht, dass man hier oben rumspaziert?

Denn eins steht fest: wirklich sicher ist das ganze nicht. Denn die Mauer ist bis zu 10m hoch und die Trittfläche teilweise kaum einen halben Meter breit. Und ob der ausgetrocknete Lehm so abbruchsicher ist darf bezweifelt werden. Ein Geländer sucht man vergebens und wer nicht schwindelfrei ist, wird hier keinen Spaß haben. Leider gehöre auch ich genau zu dieser Kategorie, sodass ich mich nach einem nur sehr kurzen Spaziergang entlang der seitlichen Mauern dazu entschließe, mich vorsichtig und behutsam auf den Rückweg nach unten – bevor dieser ganz plötzlich und ohne meinen Willen durch einen tiefen Fall von alleine kommt.

Von der Mauer gehts tief nach unten..

Also begnüge ich mich wieder mit einem Spaziergang durch die wirren Gänge der Wohn- und Handwerkerviertel. Viele Häuser sind noch in gutem Zustand und können betreten werden. Rayen war wohl bekannt für seine metallverarbeitende Industrie für Werkzeuge und vor allem Waffen. Das lässt sich auch an den vielen Öfen erkennen, die noch überall in der Stadt zu finden sind.

Ein Schmiedeofen in Rayen

Als nächstes gehe ich in die innere Burg, die der Wohnbereich der Highsociety gewesen ist. Man merkt direkt, dass hier alles etwas akkurater und edler ist, auch der Zustand der Gänge und Wohnbereiche ist bedeutend besser als außerhalb der Mauern. In einigen Räumen kann man noch Einrichtungsobjekte wie Lehmbänke finden.

Gang im Wohnbereich der Herrscher von Rayen

Im Nobelviertel der Burg kann man versuchen auf das Dach zu kommen. Nicht alle Treppen sind in gutem Zustand und man muss durchaus mal die Arme zur Hilfe nehmen, aber das lohnt sich. Hier kann man noch mal die Dimensionen erkennen über die sich die befestigte Anlage erstreckt und mit etwas Glück auch die Wachtürme besteigen für eine bessere Aussicht.

Auf dem Dach der inneren Burg

Das Karawanserei von Shahdad

Nach unserem Besuch der Zitadelle von Rayen und einem leckeren Mittagessen machen wir uns wieder auf die beschwerliche Fahrt tiefer in die Wüstenregion. Bevor wir allerdings gegen Sonnenuntergang an den Felsen der Wüste ankommen, haben wir noch einen weiteren Zwischenstop.

Das Karawanserei in der späten Nachmittagssonne

Als von der Antike bis ins Mittelalter Karawanen wertvolle Güter quer durch die Welt transportierten, mussten diese ja auch irgendwo Rast machen. Im alten Persien wurden zu diesem Zweck überall im Land sogenannte Karawanserei errichtet – eine Art Hostel für Handeltreibende. Hier konnte man im Schutz einer Mauer übernachten, das liebe Vieh versorgen lassen und sich ausreichend für die nächste Etappe ausrüsten.

Auf dem Innenhof

Über 1.000 dieser antiken Motels hat es in Persien gegeben. Doch mit dem Ausbau interkontinentaler Schiffsrouten konnten Waren dann weitaus günstiger, schneller und auch sicherer transportiert werden. Die alten Handelsrouten gerieten somit immer mehr in Vergessenheit, die Karawanen wurden in ihrer bisherigen Form überflüssig. Das war auch der Untergang der Karawanserei, viele wurden verlassen und dem Verfall überlassen.

Die meisten existieren Heute nicht mehr. Doch manche konnten vor der Vergessenheit bewahrt werden, so auch das Karawanserei welches wir auf dem Weg in die Lut Wüste besuchen. Zwar wurde es ebenfalls lange nicht genutzt und ist zu großen Teilen verwittert. Doch seit kurzem hat ein Investor die Restaurierung begonnen – hier soll ein authentisches, traditionelles Hotel für Touristen entstehen.

Über den Dächern der Herberge

Ich mag die Idee, denn so kann man Besucher noch näher an die wichtige Geschichte des Landes heranführen. Doch bis es soweit ist, liegt noch ein langer Weg vor den Bauherren. Einige der Wohnräume sind bereits wiederaufgebaut und könnten sogar beinahe schon eingeräumt werden. Doch ein großer Teil der Mauer liegt noch in Trümmern.

Immerhin kann man sich hier Heute bereits entspannt umschauen, auf die alte Mauer klettern und so tun, als würde man vor 1.000 Jahren nach herankommenden Karawanen Ausschau halten. Ein wie ich finde überaus eindrucksvoller Ort.

Zur Dämmerung in der Lut Wüste

Der beste Aussichtspunkt für den Sonnenuntergang!

Es ist schon spät am Nachmittag und auch nicht mehr besonders weit zu unserem Zielort. Wir wollen zu einigen begehbaren Felsen direkt an der Passstraße durch die Wüste, von woraus man die spektakuläre Landschaft im Dämmerlicht besonders gut beobachten kann. Um auch ja nicht allzu zeitig noch während der starken Sonneneinstrahlung dort anzukommen, machen wir noch einen kurzen Mittagsschlaf im Auto unter einem schattigen Plätzchen.

Und dann beginnt auch schon die kurze Fahrt zum eigentlichen Ziel meiner Reise in diesen entlegenen Teil des Iran!

Zunächst kommen wir an eine große Fläche die wirkt, als wäre die Wüste ein Ozean und Wale würden sich ihren Weg durch die Weite bahnen. Tatsächlich handelt es sich um sandige Wanderdünen die durch den stetigen Wind geformt wurden.

Wanderdünen

Am Zielort angekommen komme ich aus dem Staunen schon kaum mehr raus. Die Fels- und Lehmformationen neben denen wir hier parken sind von atemberaubender Schönheit. Unter den willkürlichen Formen der Felsen suche ich mir passende Fotospots raus.

Nun wird es für Alleinreisende wie mich kniffelig. Kamera mit Stativ aufbauen, guten Bildausschnitt suchen, Einstellungen wählen. Und dann heißt es auch schon: Beine in die Hand nehmen. Denn einen guten Fernauslöser habe ich nicht dabei und der Selbstauslöser lässt sich maximal auf 10s Verzögerung stellen. In dieser kurzen Zeit muss man sich flink in Position begeben und bedächtig in die Ferne schauen. Naja, ich bin hier ja beinahe allein und keiner sieht mir bei diesen Manövern zu..

Die karge Landschaft der Dasht-e Lut

Im Übrigen ist die Wüste nicht erst seit dem Anthropozän, also dem Zeitalter des Menschen, ein unwirtlicher Ort. Bisher hat man in der Wüste noch keine nennenswerten Fossilien anderer Lebewesen gefunden. Lediglich in einem ausgetrockneten Salzbecken fand man einige Eier von Urzeitkrebsen – ob das die aus dem Yps-Heft sind?

Tief in der Wüste gibt es nichts außer dem großen Nichts

So langsam färbt sich der Himmel orange, der Sonnenuntergang setzt ein. Dafür suche ich mit einen erhöhten Ort und klettere auf den Felsen, neben dem wir geparkt hatten. Der Weg rauf ist anstrengend, da ich mich durch den Wüstensand bergauf kämpfen muss. Dabei mache ich eigentlich mit jedem Schritt nur einen halben, da ich wieder ein Stück runter rutsche. Dazu kommt die Hitze. Oben angekommen hätte mir der Anblick in alle Richtungen den Atem geraubt, wenn ich denn noch Atem gehabt hätte.

angekommen!

Um den Sonnenuntergang zu genießen setze ich mich an die Felskante und lehne mich zurück. Endlich komme ich zur Ruhe und kann den eindrucksvollen Tag etwas Revue passieren lassen, während ich ganz gemütlich den wunderschönen Sonnenuntergang in der Wüste genieße.

Ich bin sehr zufrieden mit meiner Wahl, das Setting ist ganz hervorragend. Ich denke dieser Fels ist einer der schönsten Orte, an denen ich je einen Sonnenuntergang beobachtet habe. Was jetzt noch fehlt ist ein kaltes Bier, um den Tag ausklingen zu lassen. Aber ich bin ja im Iran und so tut es eben auch das lauwarme Wasser aus meinem Rucksack.

Der schönste Ort für den Sonnenuntergang
Sonnenuntergang in der Wüste

Die kurze Nacht verbringen wir in dem kleinen Oasendorf Shahdad etwa eine halbe Stunde außerhalb der Wüste, wo wir auch schon das Karawanserei besucht hatten. Hier wartet nicht viel auf mich. Ein einfaches Abendbrot und ein einfaches Nachtlager. Storm gibt es nur für eine Stunde, dann wird der Generator ausgeschaltet. Nach einem langen Tag im feinen Wüstenstaub habe ich mich auf eine entspannende Dusche gefreut – und immerhin gibt es hier auch fließend kaltes Wasser.

Beschweren möchte ich mich nicht und da wir auch schon früh um 4 aufstehen wollen, um rechtzeitig zum Sonnenaufgang zurück in der Wüste zu sein, ist das auch alles gar nicht sonderlich relevant.

Mein spartanisches Nachtlager am Rande der Lut Wüste

Kaum hatte ich die Augen geschlossen klingelt auch schon der Wecker und es geht wieder zurück in die Wüste. Für den Sonnenaufgang klettere ich auf einen der Lehmfelsen auf der anderen Seite der Straße, um einen besseren Blick über das Weite Feld in Richtung Osten zu haben. Das ist natürlich im Dunkeln auch trotz einsetzender Dämmerung gar nicht so leicht, denn ausgeschilderte Wege oder gar trittsichere Pfade gibt es keine. Aber das gehört nun mal dazu.

Sonnenaufgang in der Lut Wüste

Nach dem Sonnenaufgang frühstücken wir noch im Schatten der Berge, bevor wir uns auf die Fahrt zurück nach Kerman machen. Dort kommen wir gegen Mittag wieder an. Die beiden Tage waren voller spannender Eindrücke und ich bin sehr froh, den weiten Weg und die Strapazen der Anreise auf mich genommen zu haben. Denn der Ausflug in die Lut Wüste und der Abstecher zur Zitadelle von Rayen gehören zu den coolsten Dingen, die ich im Iran gesehen habe.

Klare Empfehlung!

Die Morgenröte hebt sich über die Wüste

Na dann viel Spaß!

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