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Ich weiß eigentlich gar nicht mehr genau, wann oder warum die kleine Küstenstadt Wismar auf meiner Maps.Me Wunschliste gelandet ist. Ein ansprechendes Foto auf Instagram, ein Artikel in der Zeitung, Hörensagen.. wer weiß das schon so genau.

Doch mit zunehmenden Lockerungen wurde es Zeit, mal wieder an die Ostsee zu fahren. Mecklenburg-Vorpommern wollte wieder touristische Übernachtungen erlauben und genau wie kurz zuvor im Bayrischen Dinkelsbühl sollte ich der erste Tourist nach dem Lockdown in meiner Pension werden.

Die Krämerstraße in Wismar

Wismar war ein frühes Mitglied der Hanse, also dem Bund von Kaufleuten im Norddeutschen Raum, die zur Wahrung wirtschaftlicher Interessen zusammenarbeiteten.

Vor allem im Spätmittelalter konnte die Stadt voll aufblühen und heranwachsen. Das zeigt auch heute noch der ausgesprochen gut erhaltene Kern der historischen Altstadt. Hier reihen sich viele Patrizierhäuser aneinander, jedes auf seine individuelle Weise mit aufwändigen Fassaden verziert.

Fassaden in Wismar

Natürlich gingen die Konflikte der vergangenen Jahrhunderte auch an Wismar nicht spurlos vorbei. Insbesondere die Bombardements des Zweiten Weltkriegs haben im südwestlichen Teil der Altstadt für viel Zerstörung gesorgt. Doch mit viel Mühen konnte einiges originalgetreu wieder hergerichtet oder sogar neu gebaut werden.

Daher wirkt es auch Heute noch so, als würde man durch eine mittelalterliche Stadt laufen – naja von den H&M und Karstadt Werbeschildern mal abgesehen.

Trivia: 1881 wurde in Wismar die Handelskette Karstadt gegründet und hat auch Heute noch (unter neuem Namen) ihr Stammhaus in der Krämerstraße.

Von der Marienkirche steht nur noch der Turm - das Schiff wurde während des Zweiten Weltkrieges zerstört

Meine Unterkunft: Pension am Burgwall

Kleine Pension mit nur wenigen Zimmern nur ein paar Minuten außerhalb der historischen Altstadt. Mein Zimmer war modern und geschmackvoll eingerichtet und ließ keine Wünsche übrig. Bei der Dekoration merkt man sofort, dass die Besitzerfamilie zur Kategorie Weltenbummler gehört. Überall hängen Fotos von ihren Reisen aus aller Herren Länder. Und natürlich verquatschen wir uns auch sofort und sinnieren über unsere Erfahrungen beim Reisen in Kuba oder Myanmar. Wirklich sympathische Gastgeber!

Was liegt wo?

Und das kann man sich in Wismars Altstadt anschauen

Die Marienkirche

Die Marienkirche – bzw das, was von ihr übrig ist, gehört zu den ältesten Bauwerken Wismars. Die ehemalige Pfarrkirche wurde bei Luftangriffen während des zweiten Weltkrieges stark beschädigt. In der Nachkriegszeit gab es keine großen Bestrebungen zur Rettung der Basilika und unter der DDR Führung entschied man sich trotz starker Proteste zum Abriss des dreischiffigen Kirchengebäudes 1960.

Lediglich der Turm konnte erhalten werden. Heute ist das 80,5m hohe alleinstehende Bauwerk eines der Wahrzeichen der Stadt Wismar.

Marienkirche und das Amtsgericht

Auf dem Platz der durch den Abriss des Kirchengebäudes entstand war lange Zeit ein Parkplatz. Erst in jüngerer Vergangenheit konnte das historische Erbe der Kirche wiederbelebt werden, indem man die Grundmauern und Säulen nach dem ursprünglichen Grundriss bis auf eine niedrige Höhe rekonstruierte.

Daraus entstand ein gemütlicher Platz, an dem sich vor allem Jugendliche, Trinker, als auch jugendliche Trinker am Abend versammeln. Zwischen den angedeuteten Mauern wurden verschiedene Kunstwerke installiert deren Interpretation natürlich jedem selbst überlassen ist.

Tauziehen an der Marienkirche

Trivia: Backsteine sind vor allem in Norddeutschland ein häufig verwendetes Baumaterial historischer Gebäude. Die Herstellung scheint so einfach: lehmigen Boden in eine Form pressen und ausbacken. Doch in Wahrheit nahm die Produktion eines Backsteins mindestens ein Jahr in Anspruch!

  1. Der abgebaute Lehm wurde verwässert und über den Winter durchgefroren. Dadurch lagern sich Verunreinigungen ab, die sonst die mechanischen Eigenschaften des Backsteins beeinträchtigen würden
  2. Dann wurden die Ziegel in Form gebracht und mussten mehrere Wochen austrocknen, da sie sonst beim Backen zerspringen würden
  3. Anschließend wurden die Steine im Ofen bei ca. 1000° über mehrere Tage gebrannt. Die Temperatur über diesen Zeitraum so konstant zu halten war damals aber schwer möglich. Somit hatte man selten eine Ausbeute von mehr als Zweidritteln. 
Der Turm der Marienkirche in der Dämmerung

Der Turm kann im Rahmen einer Führung bestiegen werden. Diese findet jeweils zur vollen Stunde statt und dauert – naja, eben etwas weniger als eine Stunde. Die Führung ist aus zweierlei Gründen interessant.

Zum einen hat man auf verschiedenen Ebenen einen fantastischen Blick und die verschiedenen Himmelsrichtungen über Wismar Altstadt – für mich immer ein Highlight.  Vor allem ist es die einzige Möglichkeit, die Georgienkirche zu sehen. Denn sie ist ansonsten so stark umbaut, dass man das bullige Bauwerk nie wirklich zu Gesicht bekommt.

Blick auf die Georgienkirche und das Amtsgericht

Andererseits erhält man von dem quirligen Guide auch eine Menge spannender Informationen. Immer wieder las ich, dass der Turm wegen seiner Stellung als Seezeichen – also in Seekarten eingezeichneter Orientierungspunkt – nicht abgerissen werden konnte und somit der Nachwelt erhalten blieb.

Doch unser Guide klärt und über den viel profaneren Grund auf. Der Turm ist einfach zu groß und massiv, um ihn mal eben zu sprengen. Dabei würde es, zumindest mit den Mitteln der damaligen Zeit, auch zu erheblichen Schäden an allen umliegenden Häusern und Denkmälern in Wismars Altstadt kommen. Und da der Turm nur wenig beschädigt und somit nicht einsturzgefährdet war, war es einfach sicherer ihn stehen zu lassen.

Blick auf die Nikolaikirche

Der Marktplatz

Weiter geht’s zum Marktplatz von Wismar. Mit seinen 100×100 Metern ist es einer der größten Marktplätze Norddeutschlands. Mal abgesehen vom klassischen Rathaus ist der Marktplatz umsäumt Cafés und Restaurants, die in historischen Gebäuden untergebracht sind. Eines der ältesten und schönsten Bürgerhäuser am Platz ist ein der sogenannte Alte Schwede aus dem Jahr 1380. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts wird es als Restaurant geführt.

Das wichtigste Gebäude auf dem Marktplatz ist aber sicherlich die Wismarer Wasserkunst, ein reich verzierter Brunnen im Renaissance Stil. Leider befindet sich nach einem Brand ein angrenzendes Gebäude in einer umfassenden Renovierung, sodass auch die Wasserkunst von Absperrungen umzäunt ist.

Die Wismarer Wasserkunst und der Alte Schwede

Auch ansonsten finden sich um den Marktplatz viele schöne Gebäude mit aufwändig gestalteten Fassaden. Fast alle stammen noch aus der spätmittelalterlichen Blütezeit Wismars und sind zu großen Teilen noch in ihrer originalen Bausubstanz erhalten. Daher stehen auch viele Gebäude entlang des Marktplatzes unter Denkmalschutz, sodass der historische Charme nachhaltig erhalten werden kann.

Die alte Marktapotheke
Der Alte Schwede
Buchhandlung

An der nordwestlichen Ecke des Marktplatzes steht die alte Ratsapotheke mit ihrem besonders individuellem Bau und farbigen Treppengiebel. Seit 1521 kümmert man sich hier um die gesundheitlichen Belange der Bürger Wismars, somit ist die Ratsapotheke die älteste der Stadt. Heute ist sie vor allem eines der schönsten Fotomotive entlang des Marktplatzes.

Die Ratsapotheke am Marktplatz

Die Nikolaikirche

Mein nächster Halt ist die Nikolaikirche. Dieser gewaltige Bau ist eines der schönsten Denkmäler der späten Backsteingotik in Norddeutschland. Mit 37 Metern ist das Mittelschiff das vierthöchste Kirchengebäude Deutschlands und sogar das zweithöchste im Stil der Backsteingotik, nur um 1,5m übertrumpft von der Lübecker Marienkirche.

Den schönsten Blick hat man, wenn man vom Westen aus kommend dem Mühlenbach folgt und auf die Kirche zu läuft. Auffällig ist, dass die Kirche durch den im Verhältnis stummelartigen Turm etwas gedrungen wirkt. Und tatsächlich fehlt dem Turm die halbe Höhe, nachdem ein starker Sturm die ursprüngliche aufgesetzte Spitze 1703 zerstörte.

Die Nikolaikirche

Das Innere der Basilika wirkt durch die massiven Backsteinsäulen schon sehr beeindruckend. Doch das war nicht immer so, über viele Jahre waren die Wände der Kirche mit weißem Putz überzogen. Das war halt mal modern. Aber umso schöner, dass nun wieder die originalen Fassaden zu sehen sind.

Das Langhaus der Nikolaikirche

Als der Kirchturm nach dem Orkan 1703 abbrach, stürzte er auf das Dach des Langhauses und riss das Gewölbe des Mittelschiffs mit ein. Zunächst wurde nur das Dach mit einem modernen Dachstuhl repariert, sodass die Gläubigen wieder ohne Regenschirm ihren Gottesdienst ableisten konnten. Das Kreuzrippengewölbe wurde erst 160 Jahre später eingezogen.

Das neu eingezogene Kreuzrippengewölbe in der Nikolaikirche

Und weil die Kirche so schön ist, lohnt sich auch ein Besuch bei einbrechender Dämmerung.

Nikolaikirche zur blauen Stunde

An der Rückseite der Nikolaikirche führt die Schweinsbrücke über den Mühlenbach. Hier entlang wurden früher die Schweine zum Marktplatz im Stadtzentrum getrieben, daher hat die Brücke auch ihren Namen. Um daran zu erinnern wurden auf den vier Brückenprofesten Bronzeskulpturen lachender Bronzeschweine installiert. Ob die Tiere damals auch so fröhlich zum Verkauf marschiert sind?

Der historische Hafen

Weiter führt der Weg zum historischen Hafen der Stadt Wismar. Dieser ist, mit der Altstadt von Wismar und der von Stralsund, als gemeinsames UNESCO Welterbe gelistet.

Um dorthin zu kommen geht es zunächst durch das Wassertor. Es ist das letzte der ehemals fünf Stadttore, alle anderen wurden zusammen mit der Stadtmauer und den Wehrtürmen zurückgebaut.

Das Wassertor in Wismar

Der Alte Hafen wird heutzutage nicht weiter für den Güterumschlag genutzt. Stattdessen ist er eine Flaniermeile mit allerlei Cafés und Restaurants. Auf das Ufer ist zum Verweilen ausgebaut und erzeugt zusammen mit den (nachgebauten) historischen Schiffen und der Silhouette der Altstadt im Hintergrund eine romantische Vorstellung der vergangenen Zeiten.

Wismars alter Hafen

Entlang der kleinen Landzunge, durch die die Bucht des Alten Hafens geschützt wird, steht die Wismarer Speicherstadt. Hier findet man noch einige der historischen Speichergebäude, die sich mit ihrer Backsteinoptik sehr schön in das Gesamtbild des Hafens einpassen. Die meisten der Gebäude stehen aktuell frei und sind ungenutzt, doch eines ist sogar zu einem Wohngebäude ausgebaut und kann auch für touristische Übernachtungen gebucht werden.

Der Thormann-Speicher
Löwe-Speicher (links) und Thormann Speicher (rechts)

Als der Hafen noch aktiv genutzt wurde, war das Baumhaus von besonderer Bedeutung. Hierbei handelt es sich aber nicht um einen von handwerklich mäßig begabten Vätern in den heimischen Apfelbaum hemdsärmelig befestigten Bretterverschlag. Früher wurde die Hafeneinfahrt aus Sicherheitsgründen Nachts mithilfe eines langen Baumstammes, der quer über die Bucht gelegt wurde, gesperrt. Somit konnten keine Räuber mit ihren Schiffen hier eindringen.

Trivia: vor dem Eingang des Baumhauses stehen zwei Skulpturen, die Schwedenköpfe. Sie erinnern, zusammen mit vielen weiteren in der Stadt verteilten, an die Zeit, in der Wismar von Schweden besetzt war.

Das Baumhaus mit den Schwedenköpfen

War noch was?

In der Altstadt steht die Heiligen-Geist-Kirche. Sie wurde Mitte des 14. Jahrhunderts gebaut und ist somit eine der ältesten Kirchen der Stadt. Doch sie ist so anders, als ihre großen, massiven Schwestergebäude. Viel kleiner und mit einer flachen Holzdecke, die mit ihren bunten Bemalungen die Bibelgeschichte erzählt.

Trivia: Teile des Kirchengebäudes und angrenzenden Hofes wurden als Kulisse für die Serie SOKO Wismar verwendet.

Im Inneren der Heiligen-Geist-Kirche

Weniger als eine Autostunde entfernt liegt die etwas größere Hansestadt Lübeck. Hier steht nicht nur die größte backsteingotische Kirche Deutschlands, sondern auch das wahrscheinlich bekannteste Wahrzeichen Norddeutschlands – das Holstentor. Ein Abstecher nach Lübeck lohnt sich auf jeden Fall, die Altstadt ist ebenso schön und historisch. Allerdings auch bedeutend größer, sodass man mehr Zeit als für den Besuch in Wismar einplanen sollte.

Das Holstentor in Lübeck

Wer von der beeindruckenden Backsteingotik nicht genug bekommt, sollte unbedingt auch nach Tangermünde fahren. Die kleine Stadt in Sachsen-Anhalt fliegt noch ganz entspannt unter dem touristischen Radar, obwohl sie das Zeug zu einem echten Hotspot mit Instagram-Garantie hat. Eine intakte Stadtmauer mit teichverzierten Türmen und Toren und einem der wahrscheinlich schönsten Rathäusern im Raum der ehemaligen Hanse.

Hohe Mauern aus rotem Backstein schützen die Altstadt

Na dann viel Spaß!

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